Archiv

Schlagwort-Archive: Zivilisation

Demokratie – also mit Vielfalt, Gleichberechtigung und Mitbestimmung zu leben – ist gar nicht so einfach. Sie würde nämlich erfordern, dass man die anderen ernst nimmt. Auch die Deppen. Oder die lediglich vermeintlichen Idioten. Selbst wenn ich mich vor manchen Entscheidungen oder Vorlieben der Vielen trotz Jahrzehnten Gewöhnung noch grusele, frage ich mich doch: Was treibt die dazu? Kann es nicht sein, dass sich nur allzu verständliche, ja berechtigte Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte bloß unzureichend, unglücklich, vergeblich oder gar verheerend austoben? Handelt es sich vielleicht gar um solche, die ich teile? Mir scheint häufig, dass nicht die Bedürfnisse fragwürdig sind, sondern die Art, wie sie sich – meist vergeblich – befriedigen wollen. Zum Beispiel Bedürfnisse nach Sicherheit, Heimat, Zugehörigkeit oder danach, etwas zu bedeuten oder ein bedeutendes Leben zu führen.

Endlich die nationale Sau rauslassen?
Fragwürdig ist ja am derzeitigen Fußball-WM-Zirkus jede Menge: Von schamlos posender Kanzlerin bis unsäglichem Blatter, von Verschwendung und Korruption bis zu Exzessen der Konsum- und Kulturindustrie. Auf https://www.youtube.com/watch?v=2rAv7Ff4eUA hat, uns zur Warnung, jemand den alten Adorno ausgegraben: „Wird eine Fußballweltmeisterschaft vom Radio übertragen, deren jeweiligen Stand die gesamte Bevölkerung aus allen Fenstern und durch die dünnen Wände der Neubauten hindurch zur Kenntnis zu nehmen gezwungen ist, so mögen selbst spektakulär verschlampte Gammler und wohlsituierte Bürger in ihren Sakkos einträchtig um Kofferradios auf dem Bürgersteig sich scharen. Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen.“ Wohl dem, der dicke Wände hat.

Der Deutschen Vaterland
Adorno hört sich gestochen intellektuell und anregend an, da bekomme ich gleich Lust, ihn wieder aus dem Regal zu holen. Es ist die hohe Warte, von der aus ich mit ihm über und ins intellektuelle Flachland blicken darf: „Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens“. Unser Verhältnis zu unserem Land wird nie „normal“ sein können, wenn das bedeutet, „unbelastet“ farbige Fähnchen zu schwenken und in „Deutschland“-Rufe auszubrechen. Wir werden uns immer wieder mit Fug und Recht daran erinnern müssen, dass schon die Generationen vor uns oder die Neonazis heute ähnlich Fahnen geschwenkt und gebrüllt haben, bevor sie zu Taten schritten, auf die nur Menschenverächter und Verbrecher stolz sein wollen. Aber das kann doch nicht heißen, dass wir uns jede Freude vergällen müssen.

So spielerisch kam Deutschland nie daher
Irgendwann macht auch die schönste intellektuelle Selbstgeißelung wegen „falscher“ Gefühle und Bedürfnisse keinen Spaß mehr. Selbst wenn Adorno uns mit diesen „unbestechlichen“ Einsichten beglücken und intellektuell schmeicheln mag, fühlen wir uns bei ihm mit unseren lebendigen Bedürfnissen und der Freude am Spiel nicht ganz „aufgehoben“, weder Hegelsch noch sonst wie. Wir fühlen doch: Das ist nicht mal die halbe Miete. Adorno gibt leider keine dialektische Antwort, er bietet nur steriles Besserwissen. Geschichtliche Verantwortung bedeutet, dass wir aufpassen, dass unsere Begeisterung und unsere Leidenschaften nicht kippen, dass sie nicht aus- und wir nicht andere schlagen. Es darf nicht ernst, schon gar nicht blutiger Ernst werden, aber es darf im Spielerischen bleiben. Und dafür ist doch Fußball und speziell der derzeitige Stil unserer Nationalmannschaft das beste Übungsfeld.

Das Spiel der Demokratie
Viele meiner Generation haben früher zu anderen Nationalmannschaften gehalten, egal wie mies die Fußball spielten. Sie haben das Spiel unserer Mannschaft schlecht geredet – wozu sie meist nicht mal übertreiben mussten. Manche fragen sich noch heute: Warum nicht überhaupt den ganzen Zirkus ablehnen? Zum einen macht Fußball schauen (und spielen) schlicht Spaß. Zum anderen hat Fußball einen zivilisatorischen Effekt. Darauf hat der Soziologe Norbert Elias hingewiesen: http://www.sepp-duerr.de/upload/pdf/100529_MM_Interview_Fuball.pdf. Er ist geradezu ein Sinnbild demokratischer Konflikt- und Gewaltbewältigung. Fußball fesselt außerdem, weil er authentisch ist, meint Armin Nassehi: „Fußball ist eine riesengroße Inszenierung, aber das Spiel selbst ist echt. Sobald angepfiffen ist, ist alles offen. Sogar eine Mannschaft mit einem 200 Mal höheren Etat als die gegnerische kann gegen diese verlieren. An solche echten Situationen sind wir in modernen Gesellschaften immer weniger gewöhnt.“

Gesellschaftliche Utopie
Vor allem aber gehe es darum, erklärt Nassehi, „Teil einer großen Geschichte zu sein“ – http://www.uni-muenchen.de/aktuelles/spotlight/2014_meldungen/fussball_tonspur.html:
„Sogar wer eine Deutschlandflagge sonst nur mit der Kneifzange anfassen würde, hängt sie sich jetzt ans Auto.“ Dieser Wunsch, Zugehörigkeit auszudrücken, habe eben nicht nur mit dem Sport zu tun. Es geht auch um ein tiefes Bedürfnis, das in jedem von uns steckt: mit anderen gemeinsam was Sinnvolles zu machen. Dieses Bedürfnis wird gesellschaftlich sonst nirgends befriedigt. Das Schlimme ist, dass die Deutschen die Erfahrung, dass alle an einem Strang ziehen, eigentlich nur im Krieg, im Überfall auf andere Völker gemacht haben. Man denke nur an die Kriegsbegeisterung am Anfang des ersten Weltkriegs. Fußball bietet ein positives Ersatz-Ziel. Er ist nicht zuletzt ein Symbol für ein gesellschaftliches Zusammenleben, wie wir es uns wünschen, aber bisher nicht bekommen.

Die Ausschreitungen in Dortmund und anderswo haben mit Fußball nichts, aber auch gar nichts zu tun. Gewalt ist eben kein originäres Problem des Fußballs. Da läuft in unserer Gesellschaft einiges schief, wenn Tausende meinen, dass sie ihr Alltagsleben nur noch mit Gewaltexzessen überhöhen können. Feierabend-Machos suchen sich eine öffentliche Bühne, um ihrem Leben einen Kick und anderen einen Fußtritt zu geben. Ihre klägliche Selbstdarstellung will die größtmögliche Aufmerksamkeit und die bekommt sie da, wo die Medien sind und die Massen. Es gibt kaum Orte, die mehr im öffentlichen Scheinwerfer stehen. Aber die Gewalt geht nicht vom Fußball aus. Im Gegenteil.

Zivilisation heißt gewaltfreier Interessensausgleich

Der Soziologe Norbert Elias hat sich sein Leben lang mit Zivilisationsprozessen beschäftigt. Das Schlüsselproblem sei die Frage, sagt Elias, wie Menschen ihre elementaren Bedürfnisse im Zusammenleben mit einander befriedigen können, „ohne dass die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse des einen Menschen oder der einen Gruppe von Menschen auf Kosten der Bedürfnisbefriedigung eines anderen oder einer anderen Gruppe geht“. Das ist natürlich die zentrale globale Frage heute. Wir sind noch weit entfernt von einem zivilisierten Wirtschaftssystem. Unseres lebt ja gerade davon, Kosten auf andere und insbesondere auf die Zukunft zu verschieben. Elias zählt eine zunehmende Demokratisierung zu den Elementen eines Zivilisationsprozesses. Und dazu kommt noch das, was er „Pazifizierung“ nennt: die Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte zivil und nach Regeln auszutragen. Als Beispiel dafür nennt er ein parlamentarisches Regierungssystem: das erfordere einen hohen Grad an Selbstkontrolle. Nur diese Selbstkontrolle hindere „alle beteiligten Individuen daran, Gegner mit Gewaltmitteln zu bekämpfen oder die Regeln des parlamentarischen Spiels zu verletzen“. Schlägereien im Parlament gibt es nicht mal in Bayern.

Fußball als zivilisatorisches Projekt

Elias zieht dabei Parallelen zum Fußball: „Ein parlamentarisches Mehrparteiensystem ähnelt in dieser Hinsicht einem Fußballspiel: Es wird gekämpft, aber nach strikten Regeln, deren Beachtung ebenfalls ein hohes Maß an Selbstzucht verlangt. Wenn der Kampf zu hitzig wird, wenn sich das Fußballspiel in eine vergleichsweise regellose Keilerei verwandelt, hört es auf, ein Fußballspiel zu sein.“ Leidenschaft und Kampfgeist gehören zum Fußball wie zur Politik. Für mich gehört auch dazu, dass man die Grenzen der Regeln auslotet und sich vielleicht sogar mal hinreißen lässt, sie zu überschreiten. Aber das Spiel macht nur Spaß, wenn man die Regeln grundsätzlich anerkennt und wenn Verstöße geahndet werden. So sehr Leidenschaft und Kampfgeist zum Fußball gehören, Gewalt gehört eben ganz und gar nicht dazu. Fußball ist ein ziviles und zivilisierendes Projekt.

Gewalt zerstört Zivilisation und damit den Fußball selber

Wenn es bei Fußballspielen zu Gewaltausschreitungen kommt, geschieht das genau aus diesem Grund. Fußball ist geradezu ein Symbol und eine rituelle Feier errungener Zivilisation. Er zelebriert die körperbetonte Auseinandersetzung zweier Gruppen nach Regeln und ohne Gewalttätigkeiten. Dieses Ritual, das unsere Gesellschaft verbindet, wird von den Gewalttätern absichtlich dementiert. Sie brauchen deshalb den Vorwand gegnerischer Fans häufig nicht mehr, sondern gehen gezielt gegen die Polizei vor. Denn die verkörpert das staatliche Gewaltmonopol und gleichzeitig die Gewaltfreiheit der Gesellschaft. Organisierte Schläger wählen den Fußball gerade wegen seiner Friedfertigkeit und Zivilisiertheit. Sogenannte Hooligans sind keine Fans. Sie attackieren das, wofür der Fußball steht.