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Forderungen nach Verboten scheinen nicht nur auf einige in unserer Partei eine besondere Faszination auszuüben. Praktisch jede Woche soll irgendwas anderes wirklich oder vermeintlich verboten werden. Dann gibt es einen mehr oder weniger kurzen Aufreger in den Medien und die Verbotsforderung verschwindet verdientermaßen im Orkus. Vielleicht kennzeichnet das auch relativ machtlose Organisationen oder Personen, dass sie wenigstens so Furore machen wollen, mit scheinbar radikalen Eingriffen in das Leben anderer: Je geringer die Wirkung in der Realität, desto einschneidender auf dem Papier. Aber trotzdem sollten mal eine Zeitlang alle bei uns Grünen mal diesbezüglich die Klappe halten. Ich plädiere für Verbotsverbote oder wenigstens ein Ge- und Verbotsfasten. Und zwar nicht nur, weil ich nach wie vor hoffe, dass wir „die Freiheitspartei“ sind, sondern weil ich es satt habe, dass auch bei uns beständig vergleichsweise Bagatellen hochgepuscht werden, und das auch noch mit untauglichen und für uns schädlichen Mitteln.

Kümmert Euch um das Wesentliche!
Bei uns dürfte doch kein Zweifel darüber bestehen, was wirklich wichtig ist, nämlich globale Gerechtigkeitsfragen, die durch die drohende Klimakatastrophe noch mal verschärft und in einer neuen Radikalität gestellt werden. Wenn wir hier was bezwecken wollen, haben wir verdammt viel zu tun. Klar ist auch: wir müssen viele liebgewordene Gewohn- und Gepflogenheiten in Frage stellen – und zwar gerade auch solche, die wir teilen. In diesem existentiellen Kampf gegen den Klimawandel sollten wir deshalb in weniger wichtigen Politikfeldern, die mit den Kernfragen von Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit nicht zusammenhängen, extrem zurückhaltend sein mit Verbots- und Gebotsforderungen. Dass manche mit dem dummen Vorwurf der „Öko-Diktatur“ jede Kritik diffamieren wollen, damit können wir durchaus fertig werden https://seppsblog.net/2014/02/11/zwischen-zwangen-und-zielen/. Aber wir sollten keinen Beitrag dazu leisten, dass das Klima unserer Gesellschaft noch repressiver wird.

Radikalität an der richtigen Stelle
Verbotsforderungen klingen immer so schön radikal und wichtig. Aber das reicht doch nicht aus, um allen möglichen Randproblemen Intensität und Bedeutungsschwere zu verleihen. Es sind, wie gesagt, ohnehin genug Veränderungen nötig, manche davon werden wir auch mit sanftem gesellschaftlichem oder gesetzlichem Druck erzwingen müssen. Gerade deshalb können wir doch nicht immer wieder bei deutlich weniger brisanten Fragen mit Ge- und Verboten nur so rumfuchteln: Null-Promille fordern, das Rauchen ächten, das Tragen von Kopftüchern verbieten oder das Zurschaustellen religiöser Symbole in der Schule und das Radfahren ohne Helm unter Strafe stellen. Wer gerne radikal sein will, soll das an einer Stelle tun, die einer solchen Radikalität angemessen ist: Wenn die Welt untergeht, oder zumindest aus guten Gründen zu befürchten ist, dass Teile dieser Welt buchstäblich im Meer versinken und andere ebenfalls unbewohnbar werden, sollten wir unser Wirken deutlich sichtbar und mit angemessener Radikalität darauf ausrichten.

Anders, als Möchtegern- oder wirkliche Meinungsführer gern behaupten, gibt es immer eine Alternative, aber vielleicht nicht immer eine lebenswerte. Wir können „so weiter machen wie bisher“, müssen aber wahrscheinlich mit verheerenden Folgen für uns, auf jeden Fall aber für unsere Kinder und Enkel rechnen. Das klassische Motto dafür lautet: Nach uns die Sintflut! Und wer weiß, vielleicht kann das ja – zumindest für einige von uns – „gut gehen“. Wer aber grundsätzlich mit nur einer einzigen Wahlmöglichkeit, also ohne Wahl und damit ohne Freiheit, nicht zufrieden ist oder konkrete Alternativen attraktiv findet, wird unabhängig von vermeintlicher Ausweglosigkeit freiwillig nach neuem suchen. Für mich ist das also keine Frage: „Postwachstum und Peak everything: Erzwungener und freiwilliger Abschied vom fossil geprägten Kapitalismus“ – http://gruene-bag-kultur.de/wp-content/uploads/2014/01/3-Ländertreffen_Nachhaltigkeit_Programm_Stand-20.01.2014_nh.pdf.
Blog: http://buen-viverde.eu/

Krise und Kritik an unserem Wohlstandsmodell
Unser Wohlstandsmodell ist erkennbar in der Krise. Es gibt ein ganz starkes gesellschaftliches Bedürfnis, neue Wege, Modelle, Lebensstile auszuprobieren. Diese Ansätze sind wichtig, weil sie praktische Alternativen aufzeigen und die bisherigen Lebensmodelle von Grund auf kritisieren. Denn die Unzufriedenheit ist groß, aber noch wenig fokussiert. Sogar ein Blatt wie die „Wirtschaftswoche“ spricht seit geraumer Zeit von einer „Wohlstandswende“: „Teilen statt besitzen. Güter gemeinsam zu nutzen und Strom kollektiv zu erzeugen sind neue Megatrends.“ Und der Ökonom Tim Jackson behauptet, „dass Menschen mehr als nur materielle Sicherheit brauchen, um zu gedeihen und ein gutes Leben zu führen. Wohlstand besitzt eine bedeutsame gesellschaftliche und psychologische Dimension.“ Was Lebensqualität bedeutet, fragen sich also sogar die Wirtschaftswissenschaften.

Gegenbewegung: Keine Experimente!
Eine mindestens so starke Reaktion auf die Krise geht allerdings in die andere Richtung: Nichts ausprobieren! Keine Experimente! Wer einen neuen ökologischen Lebensstil führen will, stößt auf viele Widerstände und Widersprüche. Denn das gesellschaftliche und politische Programm setzt nach wie vor auf Konsum und Konkurrenz, Wachstum und materiellen Wohl-stand. Der britische Ökonom Tim Jackson meint über unseren Lebensstil: „Die materiellen Bedürfnisse sind umfassend gedeckt … Aber unsere Lust auf materiellen Konsum ist dadurch offensichtlich nicht kleiner geworden. … Die Lösung des Rätsels ist, dass wir dazu neigen, materielle Dinge mit gesellschaftlicher und psychologischer Bedeutung aufzuladen.“ Es ist unsäglich schwer, täglich bei allen einzelnen Entscheidungen beständig gegen den Strom zu schwimmen. Es ist schwer, weil die Menschen, wenn sie das ökologisch Richtige tun, nicht belohnt, sondern behindert werden. Sie sehen sich Anforderungen ausgesetzt, die einander widersprechen, und fühlen sich deshalb oft orientierungs- und hilflos.

Sackgasse Verbotsdebatte
Dazu passt der partiell erfolgreiche Versuch, die stärkste politische Kraft, die hier auf Veränderungen drängt, nämlich uns Grüne, zu diskreditieren: Die Fragwürdigkeit des dominanten Wirtschafts- und Konsummodells wurde als nicht kritikable, nicht politikfähige Lebensstilfrage abgehandelt, als VeggieDay-Verbotsdebatte. Statt hier dagegen zu halten, distanzieren sich einige Grüne und geloben Besserung als „Freiheitspartei“. Damit ich nicht missverstanden werde: Ich halte es für richtig und überfällig, unsere emanzipatorischen, freiheitlichen Seiten zu betonen. Ich halte es nur für falsch, den von unseren Gegnern konstruierten Gegensatz zu übernehmen: Denn unsere grüne Kritik an gängigen Praktiken zielt ja gerade darauf, uns allen wieder mehr Freiheits- und Möglichkeitsräume zurückzuerobern. Die Tabuisierung von Verhältnissen als „unkritisierbar“ verschleiert auch, wer davon profitiert, dass sie dadurch als „unveränderlich“ gesetzt werden.

Kritik schafft Freiheit
Der gängige Pfad erweist sich als Sackgasse, deren Ende schon in Sicht ist. Das bis jetzt erfolgreiche kapitalistische Wachstums- und Wettbewerbsmodell trägt totalitäre Züge: Immer wieder wird, wenn es wirklich darauf ankommt, „Alternativlosigkeit“ behauptet. Und den dominanten Ökonomisierungslogiken sind bald alle übrigen menschlichen Tätigkeitsfelder unterworfen, auf Kosten etwa der Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Selbst Privatestes, wie Partner- und Freundschaft oder unsere bloße Körperlichkeit, wird ihnen unterworfen. Theoretische Kritik und die Praxis der neuen Lebensstile verschaffen uns also die Freiheits- und Möglichkeitsräume, die wir brauchen, um aus der jetzigen Sackgasse zu kommen. Denn eine ernsthafte Debatte, eine echte Wahl und damit Politik als Akt der Selbstbestimmung sind nur möglich, wenn Alternativen sichtbar werden.