Archiv

Schlagwort-Archive: Transformation

Eine Kritik der kapitalistischen Konsumgesellschaft und die Suche nach dem guten Leben findet man derzeit an Orten, an denen man gar nicht sucht. Nur zwei Beispiele von vielen: Am Wochenende konnte man die „Wirtschaftswoche“, das Hochglanzmagazin für das einfache Besserverdienergemüt, auch von hinten lesen: An das übliche Format waren seitenverkehrt noch ein paar Blätter „Green Economy“ angeheftet, über „Klimakiller“ und „Ökologische Investments“. Und der österreichische Standard stellte einen Teil seiner Samstagsausgabe unter die Rubrik „Ökostandard“. Zusätzlich brachte er auf Seite Zwei das „Thema Share-Economy“: „Teilen ist das neue Besitzen“. Vielleicht ist das typisch für die derzeitige Lage. Der Mainstream fließt kräftig weiter, aber daneben oder dahinter tröpfelt noch ein kleines Öko-Rinnsal.

Trampelpfade und Sonderwege
Eine solche Parallel- oder Zusatzproduktion kennzeichnet auch die meisten Märkte. So stehen etwa die agrarindustrielle Lebensmittelproduktion oder die Textilindustrie seit Jahrzehnten unter Kritik. Das hat aber nur dazu geführt, dass sie ihre Produktion weiter intensiviert haben, während sich neben den dominanten Hauptmärkten kleine Öko-Nischen halten. Angesichts dieser bescheidenen Bilanz müssen wir wieder neu darüber nachdenken, wie wir doch noch einen generellen Kulturwandel schaffen können. Wo sind neben den bekannten politischen und den beschränkten technologischen Versuchen erfolgversprechende Ansätze? Was sind für uns hilfreiche mögliche Wandler bzw. Transformatoren? Das Vorbild neuer Lebensstile allein reicht erkennbar nicht aus, schon gar nicht so lange diese als Sonderwege gelten, die neben dem „normalen“ Leben für einige wenige auch möglich sind.

Wachstumsmotoren und Beschleunigungsfaktoren
Es wird derzeit ja gerne mal über „Entschleunigung“ geredet; wir sollen innehalten oder die „Seele baumeln lassen“. In den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts war noch von „Geschwindigkeitsrausch“ die rede. Der Fortschritt konnte gar nicht schnell genug sein, wenn er mit 50 oder 60 Sachen durch die Landschaft raste. Heute sind wir mehr Getriebene als Himmelsstürmer. Selbst die Gerade in die Zukunft scheint geknickt und das Rad, das im Mittelalter des Schicksals war, kehrt als das des Hamsters wieder. Was aber treibt uns dazu, immer schneller auf der Stelle zu treten? Geld muss Geld „hecken“, hat Marx so schön altmodisch gesagt. Allein der Zwang zur Verzinsung sprengt jede Kreislaufwirtschaft. Konkurrenz bringt einen Innovations- und Übertrumpfungswettbewerb. Auf der Seite des Subjekts geht das auch über Konsum. Tim Jackson hat in „Wohlstand ohne Wachstum“ schön herausgearbeitet, wie sehr unsere Konsumbedürfnisse vor allem statusgetrieben sind.

Keine Kritik „falscher“ Bedürfnisse
Wenn wir die dominanten Produktions- und Konsumweisen kritisieren, hat es keinen Sinn, die Debatten der 60er und 70er Jahre zu wiederholen – http://meinbayern.gruene-bayern.de/blog/2012/04/18/her-mit-dem-guten-leben/. Andreas Dörner hat vor vierzehn Jahren den Pferdefuß dieser Art Konsumkritik herausgestellt, die zu wissen vorgibt, „welche die falschen und welche die richtigen Bedürfnisse der Massen sind. Dies aber kommt letztlich einer Elitendiktatur gleich, in der die ‚Philosophen-Könige’ vorschreiben, was die ‚wirklichen’ Bedürfnisse des Volkes sind.“ Die Menschen müssen und wollen immer noch nicht darüber belehrt werden, dass der Konsumismus nicht ihren „wahren“ Bedürfnissen entspricht und wie diese auszusehen hätten. Aber sie müssen sich der Kritik stellen, ob sie diese Bedürfnisse auf nachhaltige Weise befriedigen: http://buen-viverde.eu/zwischen-zwaengen-und-zielen-wahlfreiheit-dank-kritik-und-politik/. Erst wenn die vermeintliche Selbstverständlichkeit in Frage gestellt ist, gibt es Raum für Alternativen.

Sinn geben und machen
Kritik kann aber nur ein Anfang sein. Denn Vernunft ist nur ein schwacher Antrieb. Darauf verwies schon Alexis de Tocqueville in „Über die Demokratie in Amerika“: „die Menschen setzen sich aus Begeisterung Gefahren und Entbehrungen aus, aber aus Überlegung allein ertragen sie sie nicht lange“. Begeisterung entsteht beispielsweise auf Basis der sinnlichen Erfahrung, Teil einer Bewegung zu sein und dem eigenen Handeln Bedeutung und Sinn zu geben, indem dies in Bezug auf ein Ziel Sinn macht, das wir mit anderen gemein haben und um des Gemeinsinns willen verfolgen. Es gibt längst eine Bewegung. Selbst die Frage „Wie geht Veränderung?“ liegt derzeit in der Luft: http://anstiftung-ertomis.de/images/jdownloads/sonstige/muenchen_wie_veraenderung.pdf. Aber auch wenn viele in ähnlicher Richtung suchen, erfahren sie sich noch nicht als Teil einer Bewegung. Da fehlen uns noch die Orte, an denen wir diese gemeinschaftliche Erfahrung machen könnten und an denen aus unseren jeweiligen Beiträgen etwas neues, gemeinsames entstünde.

Werbeanzeigen

Wir Grünen haben unseren großen historischen Dauerauftrag noch lange nicht erledigt. Das ist in letzter Zeit ein bisschen in Vergessenheit geraten, wegen der enttäuschten Erwartungen im Bund und Bayern und dem Klein-Klein des Regierungsgeschäfts in anderen Ländern. Wir sind die politische Kraft, die ihre Entstehung und Existenzberechtigung der zunehmend verbreiteten Erkenntnis verdankt, dass die Globalisierung die weltweit dominante Art des Produzierens und Konsumierens an ihre Grenzen gebracht hat. Aber wir sind auch nach Jahrzehnten grüner Politik immer noch weit entfernt von einer gerechteren, nachhaltigen, umwelt- und klimaverträglichen Wirtschaftsweise. Nur die Probleme sind inzwischen noch drängender geworden.

Verschlimmbesserungen und unerwünschte Nebenfolgen
Mittlerweile sind auch die Grenzen bisheriger Lösungsversuche offenkundig. Technische Einsparungen werden von Ausweitungen der Nutzungsdauer oder -intensität begleitet. So werden etwa sparsamere Computer bzw. Smartphones länger und vielseitiger genutzt sowie schneller ausgetauscht, der alte Kühlschrank läuft im Keller weiter oder ein pro PS geringerer Benzinverbrauch wird dadurch egalisiert, dass immer größere Autos gefragt sind. Und es gibt unerwünschte Nebenfolgen: Wenn wir weniger Kohle verheizen, wird sie für die anderen billiger. Der Konflikt Tank oder Teller weitet sich auf andere Energiegewinnungsarten aus. Andererseits sind verbindliche Regelungen national wie international kaum durchzusetzen, Kritik oder gar eine Erschwernis bisheriger Gewohnheiten wird als „Ökodiktatur“ verunglimpft, als ob es ein Gottes- oder Naturrecht gäbe, die Welt nach eigenem Gusto zu versauen.

Raus aus dem Hamsterrad? Aber wie?
Deshalb liegt Grundsatzkritik wie z.B. von Tim Jackson („Wohlstand ohne Wachstum“), Harald Welzer („Selbst denken“) und anderen nahe. Ist die Vorstellung, wir könnten uns mit Hilfe eines „Green New Deals“ aus unserem Dilemma befreien, nicht eine große Illusion?
Müssen wir die gefräßige Maschinerie, angetrieben von Wachstum und Konsum, nicht stoppen und aus der Logik des Hamsterrads aussteigen? Vor allem aber: Wie könnte das gehen? Und was kommt dann? Laotse soll gesagt haben: „Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern.“ Das gilt vielleicht auch für neue Ideen und Konzepte. Denn der große Hunger, der von der gefräßigen Maschinerie gestillt werden will, verlangt ohnehin kaum noch nach materiellen Gütern. Dennoch wird bisher die kulturelle Komponente bei der Planung der „Großen Transformation“ völlig unterschätzt, auch in grünen Debatten.

Was wollen wir „eigentlich“?
Das Nutzerverhalten wird meist als Invariante gesehen. Als könnten und wollten Menschen ihr bisheriges Verhalten nicht ändern, völlig unabhängig von angebotenen Alternativen oder offenen Möglichkeiten. Das führt dann auch manche technische Lösung ad absurdum, so wenn z.B. das Elektroauto 1:1 den Verbrennungsmotor ersetzen soll und deshalb von vornherein nur die zweite Wahl sein kann. Andererseits wird damit auch der positive Aspekt von Demokratie nicht genutzt: Die Vielen können aus eigenem Antrieb und eigenständig suchen, sie müssen nicht warten, bis ihnen fertige Konzepte vorgesetzt werden. Deshalb sollten wir vielleicht auch unsere Methoden der Problemlösung überdenken und statt eines „Masterplans“ Konzepte akteurszentriert und bedürfnis-, statt defizitorientiert entwerfen. Letzteres soll heißen: Die Krisen sind nur Anlass, darüber nachzudenken, was wir „eigentlich“ wollen und wie wir’s kriegen.

Was verstehen wir unter Wohlstand?
Darüber nachzudenken, was Wohlstand für uns bedeutet, ist kein besonders origineller Einfall. Dazu hatte ja sogar schon der Bundestag eine Enquete-Kommission eingesetzt: http://www.bundestag.de/bundestag/gremien/enquete/wachstum/index.jsp. Wie viele andere weist z.B. der Zürcher Glücksökonom Bruno Frey darauf hin, dass der Nutzen materieller Güter überschätzt wird: „Beziehungen zu pflegen, macht auf lange Sicht viel glücklicher als Überstunden zu leisten und von dem Geld einen spritschluckenden Geländewagen zu kaufen.“ Klingt einleuchtend, wird aber wohl trotzdem auf Anhieb nicht jede/n überzeugen. In China etwa wurde die Teilnehmerin einer TV-Show laut SZ vom 9.11.13 über Nacht berühmt mit dem Satz: „Lieber auf dem Rücksitz eines BMW weinen, als auf dem Fahrrad lachen“. Und die Süddeutsche findet auch gleich eine Erklärung: „Warum jetzt trotz Verkehrskollaps alle stolz in ihren Autos sitzen? Weil sie es sich leisten können.“

So viel weiße Flecken, so viel Spannung und Abenteuer
Das ist so eine Sache mit den Bedürfnissen: Wie sie zu befriedigen wären, wissen wir oft nicht einmal selber, jedenfalls nicht, bis wir es ausprobiert haben. Aber dass andere besser wissen, was wir wollen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Außerdem verweist schon Bruno Frey auf den entscheidenden Punkt: „sehr glücklich macht auch das Gefühl, nicht gegängelt zu werden, Autonomie zu haben“. Vielleicht sollten wir uns in der Frage eines Wohlstandsmodells, das ebenso attraktiv ist wie das heutige, aber weniger zerstörerisch, an Antoine de Saint-Exupery orientieren: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Vielleicht ist es da doch ein Glück, dass wir noch ein paar Jahre Opposition vor uns haben, Sehnsucht zu entwickeln, das weite Meer zu erforschen, und auszuprobieren, was für uns Wohlstand wäre.