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Fußballer demonstrieren ihre körperlichen Reize deutlich offensichtlicher und offensiver als früher: Modellierende Trikots, die den Six pack wie ein Brustpanzer nachformen, aber natürlich nur, wenn er vorher herausgearbeitet wurde im Work out; Trikots, die jubelnd heruntergerissen werden, um den Six pack zu zeigen; bunteste, kräftige Farben, selbst die Schuhe sind längst nicht mehr schwarz, sondern neon gelb oder rot, und die ganz Eitlen tragen verschiedenfarbige Schuhe. Mit Haut und Haar wird am neuen Schönheitsideal gearbeitet. Aber nicht nur die Physis wird herausgestellt, auch Emotionen werden vorexerziert: Es wird geheult auf dem Platz, umarmt, geküsst, besprungen und sogar getanzt – also alles, was „normale“ Männer heute in der Öffentlichkeit stets verweigern. Nur Knabbern und Beißen gilt noch als unsportlich und unmännlich.

Der neue Mann
In meiner Jugend und selbst noch vor wenigen Jahrzehnten wären so demonstrativ eitle Männer undenkbar gewesen: Fußballer, die sich „wie Mädchen“ aufführen, in Pose schmeißen oder theatralisch wehklagen, sich eincremen und parfümieren, zu lange föhnen oder zu warm duschen. Spätestens Beckham hat den Umbruch sichtbar gemacht, in allen Hochglanzmagazinen und auf öffentlichen Werbeflächen, ein eher metrosexueller, eher sanfter Mann, der den Sitz seiner Frisur aller Welt und selbst in China noch und für Geld seinen wohlgeformten Körper und seine topschicken Unterhosen zeigen musste. In ihrem offensichtlichen Interesse und ihrer Arbeit am Körper weit über jede Funktion hinaus sind die Fußballhelden nur die augenfälligste Avantgarde eines gesellschaftlichen Umbruchs, mit dem der Pflichtenkodex für Männer neu definiert wird.

Bein zeigen
Hegel sagt, die Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce. In der Mode ist das nicht nur kein Problem, sondern stilbildend. In ihrem Buch „Angezogen“ verbindet Barbara Vinken die Geschichte der Mode mit dem Männerbein: „Hat man die Mode in der Mitte des 13. Jahrhunderts mit dem Moment beginnen lassen, in dem Männer die langen Gewänder ablegten und Bein zeigten, dann beginnt die Mode der Moderne in dem Moment, in dem Männer ihre Beine bedecken: lange Hosen statt straff sitzender Strümpfe.“ Die bürgerliche Revolution kehrt nicht nur die aristokratischen Werte um, sondern macht das auch modisch sichtbar: „Vor der Revolution zeigten die Männer Beine, Po und Geschlecht. Im Gegensatz dazu verbargen die Frauen all dies strikt.“ Nach der Revolution stellen Frauen ihren Körper zur Schau und umgekehrt demonstrieren erotische Reize nur grenzüberschreitende oder ausgegrenzte Männer.

Krieger und Kämpfer
Am bestrumpften Bein, das nun den Frauen vorbehalten ist und das derzeit so sichtbar dominiert, weist Vinken nach, dass viele Elemente zeitgenössischer Frauenmode ihren Ursprung in der Militärkleidung haben. Die „spektakuläre“ „Mode der körperlich aggressiven Männer, der Soldaten etc.“ wurde stilbildend: „Sie zeigten und schmückten die vor Kraft strotzenden Körperteile, die beim Verletzen nützlich waren. … Es ging darum, im wahrsten Sinne des Wortes zu imponieren.“ Aber was sonst in der heutigen Zeit dem Manne noch verwehrt ist, der Fußballer darf es schon: Auch er macht, wie die Frauen, „Anleihen in der Mode der waffentragenden Männer“. Auch der seine wird „als aggressiver Körper exponiert“, auch er zeigt Bein. Und von den römischen Gladiatoren und Legionären übernimmt er die Modellierung der Brustbekleidung: „Das T-Shirt naturalisiert diesen Brustpanzer der Soldaten. Die Muskeln müssen jetzt folglich, um sich abzeichnen zu können, tatsächlich antrainiert werden.“ In diesem Sinne ist der Fußballer der modernste Mann.

Mit Haut und Haar
Beim Rückgriff auf Kriegertraditionen dient die ganze Weltgeschichte als Fundus: Vom römischen Legionär stammt der Brustpanzer, vom Renaissance-Söldner das bestrumpfte Bein, vom Irokesen der Haarschnitt (zuweilen zum römischen Helm gestylt), vom Maori-Krieger die Tätowierung. Aber die kommt nicht nur von diesem, denn, sagt Vinken, die „Praxis des Körperzeichnens ist überraschenderweise etwas Ureuropäisches. Schon der europäische Ureinwohner Ötzi war tätowiert.“ Und: „Die antiken Kulturen zeichneten durch Brandmarkung oder Stigmatisierung – also ganz wörtlich durch Körperinschriften – bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Sklaven, Schauspieler, Soldaten, Gladiatoren oder Prostituierte. Die Zeichen im Fleisch … schlossen aus der Gemeinschaft aus.“ Erst das Verbot durch die christliche Staatskirche machte die spätere, sich selber stolz stigmatisierende Auszeichnung der gesellschaftlich Ausgeschlossenen möglich.

Schwul oder nicht schwul, das ist hier die Frage
Offenbar sind Fußballer hier die Avantgarde im Kampf um die Rückeroberung verlorener männlicher Privilegien, nämlich der „aristokratischen Zurschaustellung des Körpers“. Alle Männer, die es vor ihnen versuchten, mussten dafür mit dem Verlust ihrer „Männlichkeit“ und des gesellschaftlichen Status zahlen: „Was die Männermode anging, so gerieten die, die ihren Körper wie die Höflinge reizend zur Schau stellten, mit der Aufklärung und ganz und gar dann mit dem 19. Jahrhundert in den Ruch des Weiberhelden oder des Schwulen.“ Ein letztes Beispiel: Rote Schuhe zu tragen hatte der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. per Gesetz noch dem Hof vorbehalten. Bis vor kurzem hätte das bei einem Mann noch als bestenfalls „affig“ gegolten, auf dem Fußball-Platz hätte er kräftig auf die Socken bekommen. Was als „männlich“ gilt, wird also gerade neu ausgetestet. Diese Grenze ist im Fluss, gleichzeitig aber auch extrem schmal. Das erklärt vielleicht, warum Fußballer schwul tun, es aber nicht sein dürfen.

Die politische Lage, das haben die jüngsten Wahlen überdeutlich gezeigt, wird in Deutschland durch zwei zusammenhängende Trends bestimmt: Zum einen durch Verlust- und Abstiegsängste, die trotz vergleichsweise guter wirtschaftlicher Rahmendaten von der Mittelschicht ausgehend unsere Gesellschaft bestimmen. Zum anderen durch den Hang wirtschaftlich, sozial oder politisch Stärkerer, ihre Interessen rücksichtslos durchzusetzen. Ausdruck und Verstärker dieser Trends ist nach Ralf Tils und Joachim Raschke („Strategie zählt. Die Bundestagswahl 2013“ APuZ 25.11.13) ein „sicherheitsorientiertes ‚Keine-Experimente-Gefühl‘ in der Bevölkerung, gegen das die Opposition kein Mittel fand“.

Euro- und sonstiger Egoismus
„Merkels stärkstes Pfund im Wahlkampf“, erklären Tils und Raschke, „wenn auch nur als den Bürgern jederzeit präsentes Hintergrundthema – blieb ihre Politik des deutschen Euro-Egoismus, weil die Deutschen in dieser Frage mehrheitlich im Wesentlichen drei Dinge denken: Erstens, Merkel hält unser Geld zusammen. Zweitens, wir haben bereits genug europäische Solidarität gezeigt. Drittens, weil wir das Geld geben, dürfen wir auch sagen, was die Südländer tun sollen. Die Mehrheit der Deutschen sieht sich als eigentlich wohlmeinendes Volk, das leider von raffgierigen europäischen Nachbarn umgeben ist. Diese Haltung stützte die Kanzlerin mit ihrer Euro-Politik.“ Und die beiden fassen zusammen: „2013 sicherten das ökonomische Sicherheitsbedürfnis der Deutschen und die Allianz der Kanzlerin mit der Bevölkerung im Euro-Egoismus ihre strategische Mehrheitsfähigkeit.“ Von einer „Koalition mit dem Volk“ spricht ja gelegentlich auch der bayerische Ministerpräsident – http://www.sueddeutsche.de/bayern/parteitag-der-csu-seehofer-der-ueber-bayer-1.1824454.

Arbeitsteilung: Der „populistische“ Seehofer und die „sachliche“ Merkel
Dass nur sie die wahren Interessen des Volkes verstehen und den Willen des Volkes erkennen können, ist übrigens ein klassischer Topos von Rechtspopulisten. Sein spezifisches Know How konnte „Franz Josef Merkel“ (Ulrich Berls: „Wie Strauß agieren, wie Merkel handeln“) auch in die beiden parallelen Wahlkämpfe auf Bundes- und Landesebene einbringen und damit seinen eigenen Beitrag zu Merkels Strategie leisten. Denn, so Tils/Raschke, „die angestrebte Doppelmobilisierung mit einer populistischen CSU in Bayern, die eigenen Spielregeln folgt, und einer staatstragenden CDU im Bund, die verspricht, den ‚wilden‘ Seehofer im Zaum zu halten, funktionierte“. Mit der populistischen Verstärkung der egoistischen „Keine-Experimente“-Politik hat Seehofer zum Bundeserfolg beigetragen und gleichzeitig in besondere Weise dominante bayerische Bedürfnisse bedient.

Die Theorie von den drei Mehrheiten: in Bayern simplifiziert
Vermutlich hat Raschke Recht mit seiner bewährten Theorie, „dass in Deutschland drei unterschiedliche Mehrheiten existieren, die über zugerechnete Parteikompetenzen gewonnen werden“. Für Bayern bin ich mir da allerdings nicht mehr so sicher. Tils und Raschke behaupten: „Die ökonomische Mehrheit dominieren die bürgerlichen Parteien, Rot-Grün liegt weit vorn bei der sozialen und kulturellen Mehrheit (selbst ohne Linkspartei). Die Demobilisierungsstrategie setzt darauf, die ökonomische Mehrheit zu sichern und das linke Lager bei der sozialen und kulturellen Mehrheit durch eigene inhaltliche Anpassung zu schwächen.“ Der erfolgreichen Umsetzung dieser Strategie verdanke Merkel ihren Wahlerfolg. Zumindest was die bei Wahlen entscheidenden Mehrheiten angeht, ist die Lage in Bayern, fürchte ich, deutlich schlimmer: Einer Partei gelingt es bei fast allen Wahlen, alle drei Mehrheiten für sich zu gewinnen. Ausnahmen waren in jüngster Zeit die Landtags- und Kommunalwahlen 2008.

Drei Mehrheiten – eine Partei?
Mit ihrer „Sozialdemokratisierung“, die Tils/Raschke jetzt für Merkels Union konstatieren, hat die CSU in Bayern der SPD schon seit Jahrzehnten das Wasser gründlich abgegraben. Wenn der bayerische Gewerkschaftsführer Schösser den Neoliberalisierer Stoiber als „Lichtgestalt“ bezeichnet, ist klar, wo die soziale Mehrheit liegt. Die kulturelle Mehrheit wiederum muss die CSU jedes Mal neu erobern. Sie schafft das zum einen mit der langfristig wirkenden Identifikation (dem „Mythos“) Bayern = CSU, zum anderen mit je aktueller rechtspopulistischer Symbolpolitik: einer neu aufgelegten Abschottungs- und Abwertungsgeste gegen sogenannte oder echte Ausländer. Sich bei solcher Hetz nicht von Autoritäten oder Rechtslagen bremsen zu lassen, ist übrigens ein Kennzeichen einer fürchterlichen „Rebellen“-Tradition. Vor allem aber ist es ein Beleg dafür, dass es bei der „Ausländer-Maut“ oder der Mobilisierung von alten Anti-„Zigeuner“- Reflexen nicht um reale ökonomische Fragen geht. Es geht nur um die kulturelle Mehrheit.

Mia san mia: Aber wer san mia?
Genau das wissen die Bürgerinnen und Bürger laut Umfragen. Wenn sie beispielsweise mehrheitlich für die Maut sind, aber nicht glauben, dass Seehofer sie durchsetzen kann, nehmen sie das billigend in Kauf. Es gibt in Bayern einen dominant rechts-konservativen Resonanzboden. Seehofer macht, darauf hat der ZDF-Journalist Berls hingewiesen, „eine Politik der Entkernung und Entpolitisierung, aber nicht der Demobilisierung“. Die gelingt nur auf Basis eines diffusen, aber starken Subtextes, nämlich: „Bayern den Bayern“. Seehofer verspricht die Verteidigung der Insel der Seligen bzw. Vertreibung der „anderen“ aus unserem Paradies. Die Grenzen dieser egoistischen „Mia-san-mia“-Politik aber bleiben bewusst vage. So vermeidet die CSU einerseits, dass sie auf Ausländerfeindlichkeit festgenagelt werden könnte: Sie zündelt, kann sich aber nach dem Modell Haider jederzeit rausreden. Andererseits kann sich, nach einiger Verrenkung, auch ein vermeintlicher „Ausländer“ oder frisch woher immer auch „Zugewanderter“ zugehörig fühlen – wenn er nur die Grenze zu den „anderen“ hinter sich zieht.

Die CSU, namentlich Seehofer, hat das neue Kabinett nicht allein nach der vermeintlichen Attraktivität der Figuren für die bayerische Wählerschaft besetzt. Mindestens so wichtig war für den innerparteilichen Frieden der sogenannte „Regionalproporz“. Der sorgte dafür, dass Leute in höchste Ämter kamen, denen man nicht mal Jobs auf mittlerer Höhe wie etwa den Vorsitz eines Ausschusses zutrauen würde. Einige von denen sind mit Recht unbekannt. Aber sie kommen halt aus einem Regierungsbezirk, in dem gute Leute heute offenbar nicht mehr so gern zur CSU gehen. Statt das als so unsinnig zu kritisieren, wie es ist, wird diese Unsitte von Journalistinnen und Journalisten mit Einfühlung und Verständnis akzeptiert oder bestenfalls als regionale Marotte belächelt.

Insel der Glückseligen
Dabei wirkt sich das Prinzip, das sich in diesem Proporz ausdrückt, verheerend auf unsere Demokratie und die Zukunft unseres schönen Bayern aus. Es ist in kleinerem Maßstab dasselbe Prinzip, mit dem Seehofer auch die Wahlen gewonnen hat: die Verteidigung des Territorialstaats. Die Suggestion lautete: „Bayern = CSU = Wachstum + Isolation = Insel der Seligen“. Mag auch das restliche Europa in tiefen Krisen stecken, massiv an Wohlstand verlieren, die Welt außerhalb mit Katastrophen kämpfen, uns geht’s gut, wir haben dank CSU keine Sorgen. Deshalb werden überall die Grenzen geistig – und an der Außengrenze Europas auch materiell – hochgezogen, um die schon Daseienden gegen unerwünschte Zuzügler zu schützen. Die „Heimischen“ sollen generell privilegiert werden.

Mia san mia
Das gilt nicht nur nach außen. Die CSU geht da deutlich weiter als rechtspopulistische Parteien in Europa. Stolz auf die eigene Gruppe, abwertende Abgrenzung gegen fremde. Aber die CSU hat die Abgrenzung in der Gesellschaft selber vollzogen und eine Mehrheit gebildet, indem sie Minderheiten davon ausgegrenzt. Erst durch die Ausgrenzung von angeblichen Ausländern, Grünen, oder sonst wie Abweichenden hat sich eine „Mia san mia“-Mehrheit, die frühere Mehrheit der CSU, bilden können. Der Landsberger Landrat hat das mal auf den Punkt gebracht: „Da kommen die Fremden an den Ammersee, bauen sich schöne Häuser und dann rennen sie zu den Grünen und wollen ihre Forderungen nach Ruhe durchsetzen lassen.“ Nur wer „immer“ schon da war, hat das „Hausrecht“, alle anderen sind demnach „Zu-gereiste“ oder „Zu-wanderer“ – und damit Bürgerinnen und Bürger 2. Klasse.

Territorialkämpfe auf kleinster Fläche
Borniert waren auch schon andere Generationen vor uns. Der Lokalpatriotismus, dem wir alle gern verfallen, hat auch unselige Seiten, und der Kampf gegen die Nachbargemeinde, je näher sie liegt, desto heftiger, Tradition. Aber jetzt gründen sich Bürgerinitiativen, um über Gemeinden des eigenen Landkreises herzufallen. „Windkraftgegner formieren sich. Hauptkritikpunkt ist die ungerechte Verteilung“, schreibt die Brucker SZ: „Als Hauptargument wird angeführt, dass die Westgemeinden mit Windrädern vollgestellt werden sollen, während der Osten geschont wird.“ Ganz abgesehen davon, ob Windräder wirklich so schlimm sind: Wie borniert muss man sein, wenn die Hauptfrage ist, ob „die“ besser wegkommen als „wir“? Das ist heute die Standardfrage, besonders wenn es um Hilfsbedürftige geht. Nur den wirklich Reichen stellt die Frage niemand.

Teufelskreis der Borniertheit
Die bornierte Regional- und Abschottungspolitik ist ein Selbstläufer. Denn die CSU schafft seit Stoiber permanent die Voraussetzungen dafür. Ihre Politik verfährt einerseits nach dem Motto „Wer hat, dem wird gegeben“, d.h. dass soziale wie regionale Ungerechtigkeiten weiter verschärft werden – http://gruenlink.de/n7t. Andererseits ist sie geprägt durch formelle, den Schein wahrende, aber inhaltlich entleerte Politikverfahren. Mitspracherechte der Bürgerinnen und Bürger sind vorwiegend theoretischer oder repräsentativer Natur. Deshalb kann die Brucker SZ kommentieren, „dass die Gegner nicht nur ihre Sorge um Natur, Landschaftsbild und Lebensqualität umtreibt, sondern dass sie auch jedes Vertrauen zur Planung und zu den Verantwortlichen verloren haben“. Die zunehmende Zentralisierung der Regierungsgewalt, die finanzielle Aushöhlung vieler Kommunen, die dadurch immer weniger Gestaltungsspielraum haben, „Verwaltungsreformen“, die vor allem dazu dienten, den vorher relativ autonomen Fachbehörden zu zeigen, wo der Bartel den Most holt: das alles unterminiert regionale und fachliche Eigenständigkeit.

Regionen im Abseits
Es gibt nicht nur ein drastisches wirtschaftliches Gefälle, sondern gravierende Unterschiede in Sterblichkeit, Krankheitsrisiken, Lebenserwartung, Bildungsniveau und Lebensfreude insbesondere zwischen den bayerischen „Metropolregionen“ und der ländlichen Peripherie –
http://gruenlink.de/n7u. Eine vom Landwirtschaftsministerium 2006 in Auftrag gegebene SWOT-Analyse spricht von einer „Schere zwischen Stadt und Land“: „Sowohl die strukturpolitische Fokussierung auf Metropolregionen als auch die weitgehende Vernachlässigung des ländlichen Raums in der Diskussion um zukunftsträchtige ‚Cluster-Landschaften’ hat bislang kaum positive (Wachstums-)Signale für strukturschwache Regionen geboten.“ Das war also damals schon das Eingeständnis, dass die Politik, die vor allem Stoiber vorangetrieben und Seehofer fortgesetzt hat, vor allem Boombranchen und Boomregionen zu fördern, logischer weise dazu führt, die restlichen Bereiche abzukoppeln.

Gerechtigkeit statt Neid
Auch die schräge „Beutekunst“-Debatte, die immer wieder aufflackert, ist ein Reflex auf nicht mehr zu übersehende regionale Ungerechtigkeiten. Aber es ist so verquer wie schwierig und wenig zielführend, definieren zu wollen, was beispielsweise „fränkische“ Kunst ist. Wir müssen um unser selbst willen, und nicht vergangener Ungerechtigkeiten wegen, heute für Gerechtigkeit sorgen. Dass die Regionen in Bayern ihren Reichtum nicht entfalten, für sich selbst zu wenig wahrnehmen können, dass wir den Zugang zu öffentlichen Reichtümern überall in Bayern offen und sinnstiftend ermöglichen müssen, vor allem aber, dass wir die politischen Machtverhältnisse in Bayern demokratischer gestalten müssen – das alles braucht keine Begründung aus der Vergangenheit, sondern das versteht sich von selbst, ist in heutigen demokratischen Werten begründet. Statt uns in eine bornierte, interessengeleitete Neiddiskussion mit wildgewordenen Kleinbürgern einzulassen, müssen wir endlich eine weltoffene, aufgeklärte, Interessen transparent offenlegende Gerechtigkeitsdebatte führen.