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Schlagwort-Archive: Olympia-Attentat

Heute häufen sich, zumindest gefühlt, die Nichtereignisse, also Ereignisse, die nicht passieren oder bei denen ich nicht dabei bin.

Fliegerhorst Fürstenfeldbruck

Ein ehemaliger Olympia-Teilnehmer, der bei uns im Landkreis wohnt, darf nun doch an der Gedenkfeier für die Opfer des Olympia-Attentats teilnehmen. Erst hieß es aus dem Landratsamt, alle 600 Plätze seien bereits an geladene Gäste vergeben. An mir kann’s nicht liegen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, brav und still auf meinem Stühlchen zu sitzen, und hab deshalb die Einladung ausgeschlagen. Das Bayerische Fernsehen überträgt ab 15.30 Uhr live aus Fürstenfeldbruck.

Keine Erinnerung an Neonazis

Obwohl auch heute wieder die Zeitungen voll sind mit Rückblicken auf das, was vor 40 Jahren passiert ist, hat keine meine Pressemitteilung aufgegriffen zu den deutschen Neonazis, die vor und nach dem Attentat den palästinensischen Terroristen zur Hand gingen. Auch die Spiegel-Kritik kommt nicht mehr vor. Die Neonazis haben es nicht geschafft, das Gesamtbild in irgendeiner Weise zu trüben. Aber das hatten wir ja schon.

Schon früher nicht dabei

Schon bei Olympia 1972, einem der prägendsten Ereignisse in München und seinem Umland, war ich nicht dabei. Dabei sein war für unsere Generation eben nicht alles. Im Gegenteil, das war die Zeit, in der man dahin wollte, wo gerade nicht alle waren. Wenigstens wollte man sich so fühlen. In unserem jugendlichen Leichtsinn sind wir dann zu viert im VW-Bus über den berüchtigten Autoput durch noch nicht Ex-Jugoslawien nach Griechenland. Trotz Diktatur, dank humanistischer Bildung. Auf der Rückreise durch den damals noch nicht berühmten Kosovo, an der albanischen Grenze entlang. Hier war der Bildungsrückgriff nicht ganz so ambitioniert: Karl May, „Das Land der Skipetaren“. Kann sein, dass ich es noch irgendwo im Regal stehen hab. Aber ich werde es nicht überprüfen.

BR-BürgerForum live

20.15 Uhr, Stadthalle Germering „Wenn Bello zur Bestie wird: Müssen Hunde an die Leine?“ Ist die bayerische Kampfhundeverordnung streng genug? Wie stark müssen die Hundebesitzer in die Pflicht genommen werden? Ist eine Leinenpflicht für größere Hunde mit artgerechter Tierhaltung zu vereinbaren? Und: Gibt es überhaupt zu viele Hunde in den Städten und Gemeinden? Wann kommt der Hundeführerschein? Das sind alles Fragen, die ich heute hätte beantworten können. Die Redaktion hat extra nochmals angerufen. Aber ich hab mir schon ganz am Anfang meiner Berufspolitikerkarriere vorgenommen, öffentlich nicht zu allem zu reden. Jetzt kommt das Fernsehen schon mal zu mir nach Germering – und ich geh nicht hin.

Noch nichtigere Nichtereignisse

Dann sind da noch Frauenquote, die die EU einführen wollte, die nicht kommt; der Berliner Flughafen, der heuer nicht mehr eröffnet wird; die Piratenpartei, die schon wieder auf dem Abstieg sein soll, bevor sie am Gipfel angelangt ist; die Sonne, die sich hier im Westen immer noch nicht zeigen will, obwohl es angeblich schon bald wieder regnen wird; meine MitarbeiterInnen, die nicht da sind, weil sie schnell noch ein oder zwei Wochen Urlaub genommen haben …

Nächste Woche ist die sitzungsfreie Zeit des Landtags vorbei.

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Nichts ist stärker als einmal verfestigte Mythen. Glaube, Liebe und Hoffnung waren aber 1972 auch extrem groß, dass diese Olympischen Spiele in Deutschland so ganz anders werden als die Nazi-Propagandafeiern 1936 in Berlin. Diesen Mythos hat man sich auch von einem der blutigsten Attentate auf bundesrepublikanischem Boden nicht kaputt machen lassen. Von Brundage stammt der berühmt-berüchtigte Spruch: „The games must go on“. Das galt und gilt auch für die kollektive Autosuggestion: Der Mythos lebt weiter.

Die große Mehrheit der medialen Rückblicke dieser Tage strickt noch an der Legende von den „heiteren Spielen“. Dagegen können gelegentliche Geschichten von Pfuschen und Vertuschen, Terror und Tod nichts ausrichten. Vor allem der Spiegel – http://www.spiegel.de/politik/deutschland/olympia-1972-behoerden-vertuschten-ausmass-ihres-versagens-a-845721.html – und in seinem Gefolge gelegentlich auch die Süddeutsche Zeitung – http://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-behoerden-beim-olympia-attentat-muenchen-erst-versagt-dann-vertuscht-1.1419360 – haben versucht, die beiden Erzählstränge miteinander zu koppeln: „Es war den deutschen Behörden bekannt, dass Gefahr von Terroristen drohte. Doch die Verantwortlichen wollten sich ihre Idee von einem Olympia ohne Stacheldraht und Maschinenpistolen wohl um keinen Preis zerstören lassen“ („Tod und Spiele“, SZ 25.8.12).

Statt die Fehler der Vergangenheit die von heute korrigieren

Wir müssen jetzt nicht darüber reden, was man damals alles falsch gemacht und wie man es hätte richtig machen müssen. Das ist wirklich Schnee von gestern. Die Frage ist: Was läuft heute falsch? Die Neigung, die Vergangenheit der noch relativ jungen Demokratie in mildem Licht erscheinen zu lassen, ist nur allzu verständlich. Hat man doch wegen des „Tausendjährigen Reichs“ und seiner blutigen Spuren, die es in Deutschland und der ganzen Welt hinterlassen hat, genug Leichen im Keller. Schon in den 70er und 80er Jahren wollten gerade bayerische Regierungen einfach nicht zur Kenntnis nehmen, wie massiv rechtsextremer Terror wieder präsent war. Das Oktoberfest-Attentat –http://www.gruene-fraktion-bayern.de/themen/oktoberfestanschlag-gruene-fordern-wiederaufnahme-der-ermittlungen – und eine Reihe von Morden in den 80er Jahren, bei denen die Mörder jeweils aus dem Umfeld der sogenannten „Wehrsport-Gruppe Hoffmann“ kamen, hat man damals wie heute lieber „Einzeltätern“ zugeschrieben.

Verhängnisvoll: Rechter Terror bis heute unterschätzt

Nun hat der Spiegel – http://www.spiegel.de/panorama/justiz/muenchen-1972-deutsche-neonazis-halfen-olympia-attentaetern-a-839309.html – einmal mehr darauf hingewiesen, dass deutsche Neonazis beim Olympia-Attentat kräftig Hilfe leisteten. Auf unsere Anfrage – http://gruenlink.de/bcvreagiert die Regierung merkwürdig defensiv, nur darauf bedacht, Fragen und Kritik abzuwehren. Sie will es lieber nicht so genau wissen.

Eine gefestigte, selbstbewusste Demokratie hätte damals weniger verbissen an der Illusion der „heiteren Spiele“ festgehalten und mehr in Gefahrenabwehr investiert. Aber sie muss wenigstens heute aufklären, welche Rolle dabei Bürger aus ihrer eigenen Mitte dabei gespielt haben. Denn mit der Beteiligung von deutschen Neonazis war das Attentat kein außerirdisches oder wenigstens außereuropäisches Ereignis mehr. Verhängnisvoll ist, dass die Regierung immer noch so tut, als sei rechter Terror nichts, was mit Bayern zu tun hat. Da haben offenbar auch die fünf Morde des rechtsextremen „NSU“ in Nürnberg und München nichts geändert.