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Schlagwort-Archive: Lebensmittel

Ich kann das Geschwätz nicht mehr hören, dass ein ökologisches Leben nur was für Besserverdienende wäre. Dabei ist mir egal, für wie empathisch und fürsorglich es sich hält. Am Wochenende hat Sophie Passmann in einem SZ-Interview – https://www.sueddeutsche.de/leben/sophie-passmann-interview-feminismus-selbsthass-1.5224512?reduced=true – behauptet, sie kenne „sehr viele Leute, die sich das niemals leisten können“. Umso schlimmer! kann ich da nur sagen. Statt Kritik daran zu üben, dass sich Arme angeblich nur vermeintliches Billigfleisch leisten können, wertet Frau Passmann Bio als „Lifestyle“ ab: „Das ist ja wohl das Mindeste, das man hin und wieder an der Kasse des Biosupermarkts steht und darüber nachdenkt, welche irren Summen man für vernünftiges Essen ausgeben kann.“ Geschwätz bleibt Geschwätz, auch wenn es selbstkritisch daherkommt.

Die Armen weiter „billig“ abzuspeisen ist keine Alternative

Es sind zwei Fragen, die hier sinnlos miteinander verknüpft und deshalb beide nicht gelöst werden können: Wie können wir Lebensmittel so produzieren, dass ihre Erzeugung nicht klima- und umweltschädlich wirkt? Die zweite Frage lautet, wie wir Armen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Sophie Passmann spottet über „irgendein Schmorfleisch für ein halbes Monatsgehalt“. Öko-Konsum sei „eine Frage der finanziellen Mittel, schließlich wird seit Jahren darüber gestritten, wie korrekt man eigentlich konsumieren kann, wenn man wenig Geld hat“. Aber die Alternative kann doch nicht sein, die Armen weiter abzuspeisen mit politisch subventionierten Lebensmitteln, deren Kosten auf die Allgemeinheit und die Zukunft abgewälzt werden, mit verheerenden Folgen für Tiere, Umwelt und Klima.

Teure tierquälerische, umweltzerstörende Lebensmittelproduktion

Das Gezeter darüber, wie teuer etwa ökologische Ernährung für einzelne sei – ja geradezu unbezahlbar –, ignoriert völlig, um wieviel teurer, ja geradezu unbezahlbar die bisher dominante, tierquälerische, klima- und umweltzerstörende Lebensmittelproduktion für uns alle ist und erst recht wird. Gezeter ändert gar nix. Es ist in dem Sinne unpolitisch, insofern es vielleicht dem einzelnen hilft, Dampf abzulassen, aber alles beim Alten belässt: Die Armen bleiben arm, die Tiere und die Umwelt leiden, Frau Passmann behält ihre Privilegien, aber fühlt sich deshalb noch nicht besser. Natürlich hat Sophie Passmann damit Recht, dass es keinen Grund gibt, sich wegen eigener Privilegien und Möglichkeiten für was Besseres zu halten. Aber das heißt doch in erster Linie, dass Moral eben keine brauchbare Kategorie der Politik ist: https://seppsblog.net/2019/12/28/entpolitisierungsstrategien-individualisieren-moralisieren-immunisieren/. Bio ist keine Frage der Moral oder des Lifestyles, von „gut“ oder „böse“ oder „besser zu sein“, sondern darum, ob ein Verhalten, eine Alternative, eine politische Tat richtig oder falsch ist, z.B. im Hinblick auf Klima- oder Tierschutz. Darüber – und vor allem über die zugrundeliegenden Kriterien – lässt sich diskutieren und muss diskutiert werden.

Lob für das Bemühen, das Richtige zu tun

Völlig daneben ist es, Besserverdienenden vorzuhalten, sie würden sich ja nur bio ernähren, um sich von anderen abzuheben. Denn zunächst mal tun sie – im Unterschied zu den anderen Besserverdienenden, die das nicht machen – das Richtige; und da kann es uns allen erst mal egal sein, warum sie das tun. Mir wär recht, wenn alle Besserverdienenden sich darin übertrumpfen wollten, wer sich am ökologischsten ernährt und am klimaverträglichsten lebt, statt wer das exklusivste Auto fährt und sich den größten Spritfresser leisten kann. „Entscheidend ist, dass wir nicht moralisieren, sondern politisch Kritik üben, also nicht die einzelnen mit Schuldvorwürfen und Rechtfertigungszwang isolieren, sondern nach politischen und ökonomischen Zusammenhängen und Alternativen suchen“: https://seppsblog.net/2014/03/14/recht-auf-ein-gutes-leben/. Auch Arme leben auf unserem Planeten. Wer Bioprodukte als für sie unerschwinglich hinstellt, statt nach Wegen zu suchen, wie die beiden Fragen nach einem guten und menschenwürdigen Leben für alle zufriedenstellend beantwortet werden können, trägt dazu bei, dass der Planet weiter verwüstet und für sie noch unbewohnbarer wird.

Niemand will sich gern von anderen seinen Schweinsbraten madig machen oder gar die Steuervorteile für sein bevorzugtes Partnerschaftsmodell streichen lassen. Aber jede Infragestellung der eigenen Privilegien lauthals als Diskriminierung zu ächten und die eigenen Gewohnheiten so sakrosankt stellen zu wollen, stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Wenn bis heute Mehrheiten und potentielle Mehrheitsführer mit ihren Lebensformen werben und sie als selbstverständlich oder sogar als Wettbewerbsvorteil herausstellen, rücken sie andere in die zweite Reihe: Etwa wenn Spitzenkandidaten mit Frau und/oder Kindern in den Wahlkampf ziehen (legendär: „Die Stoibers“) oder sich und ihre Partei in der „Leberkäs-Etage“ verorten. Umgekehrt wird jedes Infragestellen solcher stummen Normen bzw. des Propagieren dessen, was angeblich „normal“ ist, als unmoralischer Tiefschlag und Angriff unter der Gürtellinie gebrandmarkt: Da soll das dann auf einmal ganz privat und dem öffentlichen Diskurs entzogen sein.

Kritik von Lebensformen

Das Buch von Rahel Jaeggi – http://www.suhrkamp.de/buecher/kritik_von_lebensformen-rahel_jaeggi_29587.html – werden vielleicht nicht alle mit reinem Vergnügen lesen. Aber wir sollten uns davon nicht entmutigen lassen und die darin entwickelten Anstöße aufgreifen und erörtern. Denn sie könnten für uns, die wir am dringend nötigen gesellschaftlichen Wandel arbeiten, als Wegweiser und Türöffner äußerst nützlich sein. So greift Jaeggi beispielsweise die hergebrachte Maxime an, über Geschmack lasse sich nicht streiten. Seit den Aufklärern, schreibt sie, „gehört der Wunsch, sich hinsichtlich der Gestaltung des eigenen Lebens nicht von (philosophischen) Sittenrichtern ‚hereinreden lassen‘ zu wollen, zu den unhintergehbaren Komponenten unseres modernen Selbstverständnisses“. Das scheint uns so unbestreitbar, dass uns allein die Vorstellung, jemand wolle bestimmen, was uns zu schmecken oder zu gefallen habe, schon lächerlich vorkommt. Damit blenden wir in Gänze aus, dass unsere Vorlieben in der Regel nicht nur ganz spezifische gesellschaftliche, wirtschaftliche oder ökologische Folgen, sondern auch entsprechende Ursachen haben.

Das Private ist politisch

Wir wissen längst, dass wir unsere vermeintlich gar so individuellen Neigungen und Präferenzen durch Nachahmung, Gewöhnung, Geschmackserziehung erwerben. Familie und Herkunft generell prägen uns so, dass sich in unseren scheinbar privatesten und persönlichsten Eigenheiten schichten- und gruppenbezogene Distinktionsmerkmale verbergen. Wir signalisieren, wer wir sind, für wen wir uns halten bzw. gehalten werden wollen. Pierre Bourdieu – z.B. http://www.suhrkamp.de/buecher/die_feinen_unterschiede-pierre_bourdieu_28258.html – hat schon vor vielen Jahrzehnten gezeigt, dass selbst Fragen, ob und welches Haustier wir uns halten oder welchen Alkohol wir trinken, Hinweise auf unsere gesellschaftliche Stellung enthalten (sollen) und an die politische Ausrichtung gekoppelt sind. Als Bourdieu diese quasi naturwüchsigen, weil unreflektierten sozialen Mechanismen offenlegte, waren sie schon nur noch eingeschränkt wahr. Denn schon damals waren Heerscharen von Spezialisten der Konsum- und Kulturindustrie damit befasst, derartige Prägungsmuster im Sinne ihrer Auftraggeber zu nutzen und zu manipulieren.

Selbst verschuldete Dummheit

Wenn wir die Entstehungsgeschichte unserer sozialen Praktiken bzw. Lebensformen leugnen, „geraten wir in Gefahr, sie auf unangemessene Weise als gegeben hinzunehmen“. Wir, so Jaeggi weiter, „entziehen damit Themenbereiche der rationalen Argumentation, die man aus dem Einzugsbereich demokratisch-kollektiver Selbstbestimmung nicht herauslösen sollte“. So bleiben wir nicht nur selber absichtlich dumm bzw. in der legendären selbst verschuldeten Unmündigkeit, sondern auch kollektiv, weil wir uns über wichtige Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens nicht verständigen. Wenn wir diese „privaten“ Bereiche künstlich remystifizieren als „natürlich“, überlassen wir sie damit den interessierten Fingern anderer zur Manipulation nach deren Vorgaben. Denn, darauf verweist Jaeggi, „die ethische Frage, ‚wie zu leben sei‘, lässt sich aus den Prozessen individueller, aber auch kollektiver Willensbildung gar nicht so leicht ausklammern. Sie ist in jeder gesellschaftlichen Formation implizit oder explizit immer schon beantwortet.“ Das bedeutet, wer sich dieser Frage nicht bewusst stellt, lässt andere entscheiden. Umgekehrt ist es für uns, die wir das Vorgefundene nicht einfach als gegeben hinnehmen können, sehr hilfreich, dass sich damit die Tür zur Kritik an sozialen Praktiken bzw. Lebensformen öffnet.

Nichts ist über jede Diskussion erhaben

„Über Lebensformen lässt sich streiten, und zwar mit Gründen streiten.“ Und wir müssen gerade deshalb streiten, weil die Lebensformen der anderen unsere eigenen dominieren wollen: „Mit Lebensformen sind Geltungsansprüche impliziert“, sie zeichnet laut Jaeggi gerade aus, dass sie beanspruchen, die angemessene Lösung für eine konkrete Situation zu sein – und damit andere Praktiken diskriminieren. Und, was oft unterschlagen wird, sie erfordern „politisch-ökonomische Rahmenbedingungen. Schon die Existenz von Einfamilienhäusern hängt ab von institutionellen (und politisch verfassten) Bestimmungen, wie Bebauungsplänen oder der staatlichen Eigenheimförderung; das familiäre Leben mit Kindern ist geprägt von der Existenz oder Nichtexistenz öffentlicher Betreuungseinrichtungen“ etc. Es gibt also gute Gründe, vorherrschende soziale Praktiken nicht als gegeben zu akzeptieren, sondern kritisch zu stellen. Wenn wir sozial- und klimaverträgliche, weltweit verallgemeinerbare Lebensformen finden wollen, müssen wir über vermeintlich private, persönliche Geschmacksfragen – wie z.B. Essgewohnheiten http://www.euractiv.de/sections/entwicklungspolitik/wwf-studie-ernaehrung-befeuert-klimawandel-und-umweltzerstoerungen-0 – öffentlich streiten.

Am Samstag beginnen die Ökoerlebnistage in Bayern – http://www.oekoerlebnistage.de/ –, sozusagen eine Leistungsschau des Ökologischen Landbaus. Der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner hat sie zusammen mit der Landesvereinigung für den Ökologischen Landbau in Bayern – www.lvoe.de/ – vorgestellt. Motto ist: „Mehr Öko-Landbau für Bayern: Bio-Regio Bayern 2020“. Brunner hat erklärt, der Ökologische Landbau in Bayern solle „bis 2020 verdoppelt werden.“ Das Ziel kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich bin extra ins Archiv gegangen.

Stoibers Vision: eine Fata Morgana

„Stoiber kündigt 600-Millionen-Mark-Landesprogramm „Verbraucherinitiative Bayern“ an / Sichere Lebensmittel und gesunde Landwirtschaft“, schrieb die Staatskanzlei in ihrer Pressemitteilung vom 14. Februar 2001. Stoiber zeigte sich damals von der BSE-Krise erschüttert: „Ich bin betroffen, welche Auswüchse und Missbräuche bei der Tierhaltung in einzelnen Fällen geschehen sind. Das kann so keinesfalls weitergehen. Deshalb werden wir in Bayern ein eigenes Landesprogramm für die Umstellungsmaßnahmen in der Landwirtschaft in der Größenordnung von 150 Millionen Mark auflegen.“ Das waren noch ganz andere finanzielle Größenordnungen als heute bei Brunner. Stoiber kündigte weiter an: „Neues Verbrauchervertrauen und gesunde Landwirtschaft sollen auch mit dem Aufbau regionaler Vermarktungskonzepte für gesunde Nahrungsmittel „aus der Region und für die Region“ im Umfang von 25 Millionen Mark gefördert werden. Mit 20 Millionen Mark sollen Anreize für einen Umstieg landwirtschaftlicher Betriebe auf den Ökolandbau und eine Verbesserung des Marketings von Ökoprodukten geschaffen werden. Ziel sei, den Anteil des Ökolandbaus von heute drei bis vier Prozent auf zehn Prozent zu steigern.“ Ein Großteil des versprochenen Geldes hat Stoiber dann natürlich nicht für die Ökologisierung der Landwirtschaft ausgegeben. Sie wurden als „Wandermillionen“ (O-Ton Dürr) zur öffentlichkeitswirksamen Bekämpfung der nächsten Krise gebraucht. Denn bevor der Haushalt fertig war, war die nächste Sicherheitskatastrophe da: der 11. September 2001. Prompt wurden die Gelder in das neue Sicherheitspaket umgeleitet.

Flexible Förderpolitik: Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig

Helmut Brunner ist ein netter Kerl, er fährt längst nicht mehr die harte ideologische Linie seiner Vorgänger und ist auch keine Marionette des Bauernverbandes. Aber er wird, trotz aller Nettigkeiten, die Grundlinie der CSU nicht ändern, nämlich fest an der Seite der Agrarlobby und ihrer industriellen Wachstumspolitik zu stehen. Er federt alle konkreten Forderungen nach einer ökologischen Landwirtschaftspolitik ab wie Gummi, eine Art flexible response.

Für den Ökoanbau wird er weiter gerade so viel machen, dass man nicht merkt oder wenigstens nicht beweisen kann, wie er seinen Ausbau hemmt und blockiert. Bestes Beispiel: Gleichzeitig zur Verheißung, die Öko-Produktion zu verdoppeln, kündigt er die Verdreifachung von Biogasanlagen an. Damit ist die Hoffnung des LVÖ-Vorsitzenden Josef Wetzstein auf der gleichen Veranstaltung schon unterminiert. Wetzstein hatte Brunner nämlich gelobt: „In einer für den Ökologischen Landbau schwierigen Zeit, in der die Pachtpreise durch die hohe Förderung der Energieproduktion auf dem Acker enorm hoch sind und durch Spekulationen die konventionellen Getreidepreise explodieren, ist es ein mutiger und notwendiger Schritt, auf eine nachhaltige Entwicklung durch den Ökologischen Landbau zu setzen“. – http://www.lvoe.de/aktuelles/pressemitteilungen/pressemitteilungen/PM_LVOE_Bio_Regio_Bayern_2020.pdf  – Der nette Helmut Brunner wird diesen Schritt so gehen, dass er nicht zu schnell ist und nicht zu viel Mut braucht.

Kein Kurswechsel: Konventionelle Landwirtschaft zuerst

Denn eines hat Brunner ganz klargemacht: Er wird an der grundsätzlichen Ausrichtung nichts ändern. Seine neue Politik sei „kein abrupter Wandel oder Wechsel“. In zehn Jahren habe man die Zahl der Betriebe verdoppelt. Aber jetzt gehe es darum, „das Wachstum zu beschleunigen“, er will weg vom „Schneckentempo“. Weil der Anbau seit Jahrzehnten mit der beschleunigten Nachfrage nicht Schritt halten kann, muss importiert werden, obwohl gleichzeitig in der konventionellen Landwirtschaft massiv und mit staatlicher Unterstützung exportiert werden muss. Das sei „auch im Interesse der konventionellen Bauern, weil ihre Märkte entlastet werden“. Es gehe darum, sich „gegenseitig zu fördern“. Ein bayerischer Landwirtschaftsminister kann selbst vor einem Publikum, das nur aus Biobauern und Vertretern der Biobranche besteht, keinen Satz zugunsten des Ökoanbaus sagen, ohne ihn mit Lobeshymnen auf die konventionelle Landwirtschaft oder der Betonung von indirekten Vorteilen für sie zu rechtfertigen.

Nur im Maße, wie sie ökologisch sind, sind Lebensmittel mehr wert

Lustig ist, dass Brunner auch behauptet, das Thema sei „nicht geeignet für parteipolitische Auseinandersetzungen“. Das ist ein Thema immer dann, wenn die CSU unter Druck kleine oder größere Korrekturen an ihrer falschen Politik vornehmen muss. Ich finde es sehr gut geeignet. Anders als Josef Wetzstein habe ich auch kein Verständnis dafür, dass der Landwirtschaftsminister in seinem Entwurf eines Leitbilds für die Landwirtschaft „den Begriff ökologische Landwirtschaft“ vermieden habe, obwohl das erkennbar am Ökoanbau orientiert sei. Denn das ist wieder nichts anderes als eine Abwertung des Öko- und eine Aufwertung des konventionellen Anbaus: Die politischen Lobbyisten der Agrarindustrie in Bayerns Regierung vermeiden extra eine klare Sprache und so tun, als könnten beide Anbauformen irgendwie „ökologisch“ sein. Die gleiche Masche zieht Brunner auch bei dem Argument ab, dass Lebensmittel in Deutschland bisher zu billig waren: Lebensmittel seien bei uns billiger, Autos teurer als anderswo in der EU. Bei den Autos ist ja wohl klar, dass bei uns – nach bisherigen, aber bereits überholten Standards – die hochwertigsten gebaut wurden. Umgekehrt stimmt halt nicht generell, dass „Lebensmittel mehr wert sind“. Es gibt auch billiges Glump! Nur in dem Maße, in dem sie ökologisch produziert sind, klimaschonend, trinkwasserschützend, tiergerecht, die Umwelt nicht belastend, sind Lebensmittel für Gesellschaft und Verbraucherinnen und Verbraucher mehr wert. Während uns umgekehrt klimabelastende, brunnenvergiftende oder tierquälerische Produktions- und Vertriebsformen formen heute schon zu teuer kommen.

Gestern Abend kam im Ersten eine Sendung über die Missstände bei Öko-Tierhaltern, die sofort von der Bildzeitung auf Seite 1 aufgegriffen wurde. Und heute titelt auch die Süddeutsche Zeitung in ihrer Printausgabe: „Der Bio-Mythos“, denn, so heißt es im Untertitel, „die bisher umfassendste Analyse zeigt: Bio-Ware unterscheidet sich kaum von konventioneller“.

Skandale im Ökoanbau werden immer wieder instrumentalisiert, um den Anbau insgesamt in Verruf zu bringen. Dabei beruhen diese Skandale auf Verstößen gegen die dem Ökoanbau eigenen Ziele und Regeln. Umgekehrt ist Tierquälerei, Wasserverschmutzung und Artensterben in der industriellen Landwirtschaft ein Systemfehler, kein individuelles Versagen. Trotzdem wird gerne und immer wieder so getan, als seien beide Produktionsformen gleichwertig. Auch was Studien angeht, die angeblich nachweisen, dass es keinen Unterschied bei den Inhaltsstoffen gebe oder in Bezug auf die Gesundheit – immer geht es um die Entlastung der KonsumentInnen bei der Kaufentscheidung: Ihr könnt guten Gewissens auch das Billigere nehmen. Vor allem aber geht es darum, die Weichenstellungen in der Agrarpolitik für Masse statt Klasse und für die großen Profiteure des Agrobusiness abzusichern: Denn es ist angeblich eh egal, wie produziert wird.

Öko ist besser für Klima, Tiere, Menschen

Dabei gibt es keinen begründbaren Zweifel, dass der Ökoanbau gegenüber der Agrarindustrie alle Vorteile auf seiner Seite hat: Er bedeutet erheblich und nachweisbar mehr Umwelt-, Klima-, Boden-, Tierschutz, auch mehr Wertschöpfung und Arbeitsplätze im ländlichen Raum. All das ist seit Jahrzehnten bekannt und trotzdem wird in der öffentlichen Diskussion so getan, als seien Ökoanbau und Agrarindustrie kaum zu unterscheiden. Das erinnert an die öffentliche Meinungsbildung früher bei der Frage des menschengemachten Klimawandels.

Auch die Studie, auf die sich die SZ beruft, wenn sie den „Bio-Mythos“ entlarven will – http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/oekologische-landwirtschaft-der-bio-mythos-1.1458076  –, gibt kein klares Dementi her. Wie eine ähnliche Wiener Studie, die vor ein paar Jahren erschien, trägt sie den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen in Bezug auf Qualitätsunterschiede von Bio und Konventionell. Hauptergebnis: es gibt dazu kaum  Forschung, und wenn, dann mit wenig verlässlich Ergebnissen. Das gilt selbst für den größten nachgewiesenen Unterschied: „In sieben Prozent der Bio-Proben ließen sich Pestizid-Rückstände nachweisen, bei konventionellen Proben lag die Rate bei 38 Prozent.“ Hier sind die Unterschiede in Bayern– http://www.lgl.bayern.de/ – z.B. bei Obst, Milch und Fleisch deutlich größer. Aber es gibt halt bisher keine Langzeitstudien, und damit keine verlässlichen Aussagen über die Gesundheitsgefahren. Also die Studie sagt: „nix gwiß weiß man nicht“. Die SZ folgert im Kurzschluss: „Es ist egal, was man isst“.

Weil uns nicht alles egal ist

„Der Sinn von Politik ist Freiheit“, sagt die Philosophin Hannah Arendt. Die Freiheit des Handelns bestehe darin, einen Anfang zu setzen und etwas zu beginnen. Das bedeutet, dass wir nichts so hinnehmen müssen, wie wir es vorfinden. Politik heißt: Es gibt Alternativen. Wir haben die Wahl. Wir können was ändern. Kern von Politik ist es, Alternativen aufzuzeigen, also Freiheiten zu schaffen. Das ist für mich der besondere Reiz an Politik.

Auch im Alltagsleben haben wir die Wahl. Das einfachste ist: die verschiedenen Alternativen heute noch ausprobieren.