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Schlagwort-Archive: Krisen

Wenn mich was langweilt, dann das beständige Geplapper von Nachhaltigkeit. Da erwarte ich automatisch Sonntagsreden, eine Predigt oder inhaltsleere Polit-Schablonen und schalte auf Durchzug. Kann man denn so wichtige Themen nicht auch als spannende Fragen diskutieren, so dass sie uns wirklich interessieren und persönlich angehen? Je mehr geredet wird, desto weniger bringt es offenbar. Noch nie wurde so viel klimaschädliches Kohlendioxid ausgestoßen wie derzeit. Alle technischen oder politischen Versuche, mehr Nachhaltigkeit zu erreichen, haben sich als unzureichend erwiesen (https://seppsblog.net/2013/12/20/wohlstand-ja-bitte/).

Double bind: Konsumiere, aber nachhaltig!
Das wichtigste Dilemma des Nachhaltigkeitszieles aber ist grundsätzlich: So lange gleichzeitig auf Wirtschaftswachstum gesetzt wird, entsteht eine paradoxe Double-bind-Situation. Schulden, Schnäppchen, Schleuderpreise oder Spritschleudern stehen hoch im Kurs – und gleichzeitig soll Nachhaltigkeit als Ziel gelten. Wer zwei widersprüchliche Aufgaben auf einmal erfüllen soll, wird perplex und handlungsunfähig. Mir scheint, wir alle, mich eingeschlossen, wissen einerseits, dass wir nicht so weitermachen können. Andererseits hegen wir trotzdem die Illusion, wir könnten leben wie bisher, wenn wir nur hier und da ein paar Dinge ändern. Aber offenbar reicht es nicht, wenn wir versuchen, Wirtschaft und Wachstum einzuhegen und zu begrenzen. Denn während wir Dämme bauen, sprudeln die Quellen unserer Probleme munter weiter. Sollten wir also nicht besser unsere Probleme an ihrem Ursprung angehen?

Krisen, Krisen, Krisen
Unser Wirtschaftssystem steckt in tiefen Systemkrisen, die für die Betroffenen existentiell sind: Hungerkrise, Zerstörung des Regenwalds, Raubbau wie die Überfischung der Meere, Artensterben, Immobilienblasen und Schuldenkrisen. Die Finanz- und die Klimakrise weisen eine globale Dramatik auf. Ursache der Finanzkrise ist zum einen der Kapitalisierungszwang, also der Zwang, auf Eigen- wie Fremdkapital Zinsen zu erwirtschaften. Zinsraten von 25 %, wie von Ackermann gefordert, aber auch schon von 5 % sind mittelfristig gaga. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Selbst niedrige Wachstumsraten sind in gesättigten Ökonomien völlig unrealistisch. Wer also soll die Zinsen erwirtschaften? Zum anderen gibt es einfach zu viel überschüssiges privates Kapital, das mit dem hohen Druck, sich zu verzinsen, gar nicht sinnvoll veranlagt werden kann. Woher kommt das überschüssige Kapital? Es wurde bei den Armen, der Mittelschicht und den Gemeingütern eingesammelt. Auch hier zeigt sich, dass soziale Ungerechtigkeit nicht nachhaltig ist.

Was Wachstum und Umweltzerstörung antreibt
Wie die Finanzkrise ist auch die drohende Klimakatastrophe eine Krise der Reichen und der reichen Länder. Es sind systemgetriebene Krisen: das Kapital muss sich kapitalisieren, also vermehren. Nun sind ja Versuche, den Kapitalismus als solches abzuschaffen, mangels besserer Alternativen erst mal für geraume Zeit diskreditiert. Aber vielleicht können wir wenigstens in das Getriebe, das ihn antreibt und auch dazu antreibt, über sämtliche Stränge zu schlagen, Sand streuen – wobei wir allerdings nichts über mögliche Nebenfolgen sagen können. Eleganter wäre deshalb, seine Antriebskräfte für unsere Ziele nutzbar zu machen.
Der Transmissionsriemen der Verzinsungs- und Wachstumsmaschinerie sind die Konkurrenz der Unternehmen und der Konsum als Lebensmodell, der mit ungeheurer Attraktivität in alle Regionen dieser Erde ausstrahlt. Es ist unser Vorbild, das alle anderen Länder in die Aufholjagd lockt und für noch mehr Emissionen sorgt.

Nachhaltigkeit als Leitbild neuer Lebensstile
So lange dieses Bild des „guten Lebens“ unangetastet bleibt, helfen alle anderen Hebel nicht, weil sie auf wenig Akzeptanz stoßen. Also müssen wir neue, klimaverträgliche und nicht auf Pump basierende Wohlstandsmodelle entwickeln. Nur wenn wir neue Vorbilder entwickeln, setzen wir andere Anreize. Es wird allerdings dauern, bis wir Lebensformen entwickelt haben, die uns mindestens so gefallen wie die bisherigen, die aber klimaverträglich sind. Es wird noch länger dauern, sich die Menschen in anderen Ländern dann auch davon faszinieren lassen. Deshalb müssen wir auch die anderen Hebel, obwohl sie beschränkt sind, weiter einsetzen. Aber die Suche nach neuen Lebensstilen scheint mir langfristig der erfolgversprechendste Weg. Auch deshalb, weil politische Prozesse nicht ohne Unterstützung aus Gesellschaft und Alltagspraxis gelingen.

Ich freu mich daher auf die nächste Gelegenheit für weitere Diskussionen: http://gruene-bag-kultur.de/wp-content/uploads/2014/01/3-Ländertreffen_Nachhaltigkeit_Programm_Stand-20.01.2014_nh.pdf

Es ist ein merkwürdiger Wahlkampf: Über alles Mögliche wird gesprochen, ob der Kandidat zur Partei passt, ob es noch eine Partei hinter der Kandidatin gibt, wer mit wem warum nicht kann oder wer welchen Fehler gemacht hat. Aber das Wichtigste wird nicht diskutiert: Wie wollen wir in Zukunft leben? Dabei wissen alle, dass unsere Art zu wirtschaften, konsumieren, zusammenzuleben in schweren Krisen steckt: in Finanz-, Klima- und Gerechtigkeitskrisen. Wie wollen wir unseren Wohlstand sichern, ohne auf Kosten von anderen zu leben? Was heißt Wohlstand? Was „gutes Leben“?

Eine Ahnung ist da
Bezeichnenderweise stellt heute auch die Süddeutsche Zeitung ihre Präsentation der Wirtschaftsprogramme der Parteien für die Landtagswahl unter den Titel: „Das System gerät aus den Fugen. Die Skepsis am Wachstum als Wohlstandsfaktor nimmt zu. Die politischen Parteien haben Mühe, damit umzugehen“. Wie die Enquete-Kommission des Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die die SZ dafür kritisiert, kommen die Programme „nur wenig über Allgemeinplätze und den erklärten Willen hinaus, ressourcenschonender zu wirtschaften“. Selbst die CSU labert schon von „qualifiziertem Wachstum“ und erklärt, sie wolle „wirtschaftliches ‚Wachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln‘ und ‚nachhaltiges Wirtschaften‘ belohnen“.

Es fehlt die Traute
Ob es so was wie „grünes Wachstum“ überhaupt gibt und was das bedeuten würde, will aber lieber niemand so genau wissen. Andererseits ist auch völlig unklar, ob es so was geben kann wie eine „Postwachstumsökonomie“ oder „Wohlstand ohne Wachstum“, was uns beispielsweise Tim Jackson vorschlägt. Obwohl also die Krisen nicht mehr geleugnet werden können und dem Umstand irgendwie Referenz erwiesen wird, heißt die generelle Devise weiter: Augen zu und durch – aus Angst vor den schrecklichen Wahrheiten, die zum Vorschein kommen könnten. Umso wichtiger wären intensive Diskussionen und vor allem auch: ausprobieren. Weil wir so wenig wissen, müssen wir vermutlich einfach ein bisschen experimentieren und reflektieren.

Radikal muss nicht schrecklich sein
Es ziemlich wahrscheinlich, dass wir manches in unserer Art zu wirtschaften oder zu konsumieren radikal ändern müssen. Aber diese Radikalität könnte zum einen lediglich darin bestehen, von einigen schon begangene Wege zu gehen, und zum anderen positive Folgen nach sich ziehen. Ein Beispiel könnte die Agrarwende von der industriellen Massenproduktion zum Ökoanbau sein. Wenn wir in unserem Land einen Kulturwandel schaffen wollen, weg vom bisherigen Wirtschaften und Leben auf Pump hin zu einem klimaverträglichen, gerechten Lebensstil, dann fällt dem Ökoanbau eine Leitbildfunktion zu: http://www.sepp-duerr.de/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=32&idart=1617&m=&s=. Sich besser zu ernähren, ohne Tiere zu quälen, das Trinkwasser zu gefährden, die Klimakatastrophe zu befördern oder die Artenvielfalt zu reduzieren – das muss ja nichts Schreckliches sein.

Vorbild attraktive Lebensstile
Nur wenn es uns gelingt, neue attraktive Wohlstandsmodelle wenigstens teilweise zu leben und damit den notwendigen Wohlstandswandel schon im heutigen Wirtschaftssystem vorwegzunehmen, werden wir auch die erforderlichen politischen Mehrheiten gewinnen können. Sie stellen ein Experimentierfeld dar und sie verändern gleichzeitig die politische Wirklichkeit. http://www.sepp-duerr.de/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=69&idart=1387&m=&s=. Die symbolische Wirkung neuer Wohlstandsmodelle ist dabei erheblich größer als ihre reale. Denn natürlich ist es so, dass selbst wenn ganz Deutschland oder gar Europa ohne CO²-Emissionen wirtschaften würde, der Klimawandel nicht zu stoppen wäre. Das gelingt nur, wenn der heute global so attraktive Way of Life durch andere, mindestens so anziehende Lebensformen abgelöst wird.

Ohne Politik kein Wandel
Voraussetzung ist, dass viele Lust auf Veränderung haben und das mindestens so spannend finden, wie sich etwas Neues zu kaufen. Das müssen am Anfang keine großen Schritte sein.
Kleine Erfolge sind Ermutigung, Ertüchtigung und Ansporn für größere Vorhaben. Diese Lust auf Veränderung wird bestärkt durch die Erfahrung, dass man tatsächlich etwas verändern kann, nicht nur das eigene Leben, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld wie das politische Klima. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die vielen Einzelnen, die sich als Pioniere und Agenten des Wandels auf den Weg machen, als Teil einer Bewegung erfahren.
Für eine noch größere Durchschlagskraft aber brauchen sie politische Unterstützung: keine moralischen Appelle, sondern Ermutigung und Zuspruch, vor allem aber entsprechende politischen Weichenstellungen.

Die Menschen in Bayern haben ganz hohe Erwartungen an uns. Sie wollen von uns nicht bloß Antworten auf einzelne Fachfragen. Sie erwarten von uns deutlich mehr, nämlich Orientierung und wenigstens einen Fingerzeig, wie es trotz aller Krisen weitergehen kann. Das Gefühl, dass wir so nicht einfach so weiter machen können wie bisher, ist erstaunlich weit verbreitet. Viele spüren, dass die Finanzkrisen systemisch produziert werden, und dass die Mittel, mit denen die eine Krise bekämpft wird, die nächste verursachen. Und fast alle sehen auch, dass unser Planet für die vorherrschende Art Wohlstand einfach zu klein ist.

Diffuses Krisengefühl
So verbreitet dieses diffuse Krisengefühl ist, so wenig ist den meisten Menschen klar, wie sie damit umgehen sollen. Manche stecken den Kopf in den Sand und konsumieren höchstens schneller als zuvor. Andere resignieren. Aber viele haben die Hoffnung auf eine Lösung noch nicht aufgegeben. Sie hoffen dabei auf uns. Es ist unsere Aufgabe, ihnen Orientierung zu geben. Deshalb müssen wir auch jetzt im Wahlkampf die Frage stellen, was ein gutes Leben ausmacht, und was das sein soll: Wohlstand ohne materielles Wachstum.

Historische Mission für uns Grüne
Ich sehe darin sogar so etwas wie eine historische Mission für uns Grüne. Nur wir können die politischen Rahmenbedingungen erzwingen, damit hier bei uns ein Wohlstandsmodell entstehen kann, das so attraktiv ist und so vorbildlich auf die Welt wirkt wie das derzeitige klimaschädliche. Denn das ist derzeit das Verheerende: dass alle so leben wollen wie wir, dass sie auf unbegrenztes Wachstum setzen, mit all den klimaschädlichen Konsequenzen, obwohl die Ressourcen dieser Welt endlich sind. Weil es kein anderes Vorbild eines guten Lebens gibt, expandiert unser derzeitiges Wohlstandsmodell immer noch so rasend schnell, obwohl jeder weiß, dass es nicht tragfähig und von gestern ist.

Vorbild Bayern
Wenn es uns gelänge, in dieser Funktion eines weltweiten Vorbilds einen Kulturwandel vorzuleben, wäre das eine historische Leistung ersten Ranges. Deutschland, und besonders Bayern, hat eine besondere Verantwortung: einmal weil, wie gesagt, die Welt unserem Wohlstandsmodell nacheifert, zum anderen weil wir alle wissenschaftlichen, technologischen, strukturellen Voraussetzungen haben, also als Gesellschaft reich genug sind, was Neues anzugehen, und schließlich weil wir Grünen nirgendwo sonst auf der Welt so eine wichtige Rolle spielen. Welche wirksamen Weichen wir stellen können, wenn wir regieren, haben wir auf Bundesebene gezeigt: das Erneuerbare-Energien-Gesetz hat die energiepolitische Landschaft von Grund auf verändert. Und auch in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens haben wir Veränderungen eingeleitet, die bis heute Wirkung zeigen. Diese Chance haben wir im Herbst auch bei uns in Bayern.

Landtagswahl: Historische Chance
Wir haben bei dieser Wahl die historisch einmalige Chance, die CSU aus der Regierung zu schmeißen und selber zu regieren. Es fehlt wirklich nicht viel, es geht um ein paar Prozentpunkte. Das was den Menschen in Bayern derzeit vor allem zu einer echten Wahlentscheidung fehlt, ist eine klare Alternative. Auch hier sehe ich für uns Grüne eine besondere Aufgabe: Wir müssen die Alternative zur Herrschaft der CSU aufzeigen. Ich glaube, dass wir nur dann im Herbst regieren werden, wenn es uns gelingt, im Wahlkampf eine inhaltlich dominierende Rolle zu spielen. Wir sind die Gegenspielerin der abgewirtschafteten CSU, die immer noch in den politischen Mustern von gestern denkt:
von 3. Startbahn bis freifließender Donau, von Herdprämie bis Gleichstellung und Quote, überall haben wir Grünen die bessere Alternative.

Für Kulturwandel und Politikwechsel in Bayern
Ich sehe also für uns bayerische Grüne in den nächsten Jahren zwei große Aufgaben: Wir haben erstens die einmalige Chance, in Bayern in einer Regierung ohne CSU mitzuwirken und direkt zu gestalten. Dafür sollten wir jetzt alles tun und die Gelegenheit wirklich ergreifen. Das wird für Bayern einen ungeheuren Modernisierungsschub bedeuten, wenn wir regieren! Mindestens so wichtig und damit eng verbunden aber ist zweitens, dass wir Grünen in unserem Land einen Kulturwandel bewirken, weg vom bisherigen Wirtschaften und Leben auf Pump hin zu einem klimaverträglichen, gerechten Lebensstil.
Für beide Aufgaben bringe ich viel Erfahrung und Begeisterung mit, zu beiden möchte ich meinen Beitrag leisten. Deshalb bitte ich Euch um Eure Unterstützung für meine Kandidatur.