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Erst Handeln, dann Denken, meint die FDP: „Digital first, Bedenken second“. Die Vorteile der Digitalisierung – für Wirtschaft wie Konsumentinnen und Konsumenten – sind so offensichtlich, dass viele die vermuteten oder längst wahrnehmbaren Nachteile hintanstellen: Verlust oder Beeinträchtigungen von Datenschutz und Medienfreiheit, Privatsphäre und demokratischer Öffentlichkeit, informationeller Selbstbestimmung oder Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeiten. Die Digitalisierung verändere unsere Welt so grundlegend wie die industrielle Revolution vor 150 Jahren, heißt es. Aber die war, wir erinnern uns (z.B. eher kapitalfreundlich: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oekonomie-seiten-die-die-welt-veraenderten-1.3664756), auch kein reines Zuckerschlecken. Deshalb müssen wir auf Folgen, Begleiterscheinungen und Rahmenbedingungen des digitalen Ausbaus mindestens so viel Wert legen wie auf dessen Geschwindigkeit. Dabei zeigt sich schnell, dass wir so manche Grundsatzfrage nicht geklärt und noch keine geeigneten Konzepte haben, um elementare Grundrechte und andere unerlässlichen Bestandteile einer funktionierenden Demokratie zu gewährleisten.

Freiheiten in Sicherheit genießen

Wir Grünen wollen ja, „dass Bayern das digitalste Bundesland wird, in dem Menschen die Chancen der Digitalisierung sicher nutzen können“ – https://katharina-schulze.de/digital-aber-richtig/. Davon sind wir in jeder Hinsicht weit entfernt, was Ausbau wie Sicherheit angeht. Unsere Reise nach Tallinn und Helsinki – http://www.sepp-duerr.de/3057 – hat uns nicht nur Chancen, sondern Grenzen und Gefahren des digitalen Versprechens gezeigt. So haben sich die estnischen Erwartungen auf mehr Partizipation und höhere Beteiligung dank Online-Wahlmöglichkeiten nicht erfüllt. Dagegen hat uns die weitgehende Sorglosigkeit in Hinblick auf Missbrauch der digitalen Möglichkeiten beunruhigt. Die immer schnellere Sammlung und Zentralisierung von Daten, etwa durch bargeldloses Zahlen, z.B. in Läden, Kneipen, Verkehrsmitteln und beim Parken, durch ID-Card und E-Government, führen zu großem Komfort, aber auch zu riesigen Risiken. Das hat sich eben noch mal bestätigt: http://www.sueddeutsche.de/politik/treffen-in-tallinn-leise-unsichtbar-und-massiv-1.3657046; https://www.heise.de/newsticker/meldung/Estland-Sicherheitsluecke-in-fast-750-000-ID-Cards-3822597.html. Das dort herrschende große Vertrauen in „unseren Staat“ und die Sicherheit des staatlich-privaten Systems teilen wir aus guten Gründen und u.a. unseligen Erfahrungen mit Überwachungsstaaten nicht.

Kinder in der digitalen Welt

Mindestens so fragwürdig sind die großen finanziellen Anstrengungen von Bundes- und bayerischer Regierung, Computer und Tablet im Unterricht durchzusetzen. Daher fordern manche eine Denkpause: „Es ist Zeit, dem reflexhaften Ruf nach der digitalen Schule eine pädagogische Reflexion entgegenzusetzen“ – http://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-digitales-geraeteturnen-1.3668070. Denn „die Schülertests Iglu und Timss belegen, dass Grundschüler, die mindestens einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzen, in einigen Fächern niedrigere Kompetenzen zeigen als Grundschulkinder, die seltener vorm PC sitzen.“ Auch das „Bündnis für humane Bildung“ kritisiert den Milliarden-schweren „Digitalpakt#D“ der Bundesregierung als „Irrweg der Bildungspolitik“. Der Medientheoretiker Ralf Lankau beruft sich dabei auf Studien und OECD (Andreas Schleicher: „Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie in unseren Schulen mehr schadet als nützt“) und folgert: „Wer Bildungsprozesse ermöglichen will, verzichtet möglichst lange und vor allem in der Grundschule auf Bildschirmmedien“ https://www.heise.de/tp/features/Technologie-in-unseren-Schulen-schadet-mehr-als-sie-nuetzt-3766725.html. Aber die „digitalen Medien sind immer früher Teil der Lebensrealität unserer Kinder“. Deshalb müssen Bildungseinrichtungen trotzdem adäquat auf die Digitalisierung antworten können. Dafür brauchen sie vor allem Zeit und geschultes Personal.

Die virtuelle gehört zur wirklichen Welt

Regelmäßig online sind von „den 3-Jährigen fast jedes 10. Kind, bei den 6-Jährigen fast ein Drittel, bei den 8-Jährigen gut die Hälfte.“ Doch deshalb sind sie alles andere als „Experten“. Stefan Aufenanger hat auf der Jahrestagung 2014 der Deutschen Liga für das Kind (http://liga-kind.de/zeitschrift-fruehe-kindheit/) darauf hingewiesen, dass „genau die ‚digitale natives‘ eben nicht medienkompetent“ sind, sondern „eher unbedarft im Umgang mit Medien, sie klicken irgendwo drauf und es funktioniert etwas“. Und Maren Risch ergänzte, weil „Medien doch Bestandteil der kindlichen Lebenswelt“ seien, „benötigen Kinder Hilfestellungen und Interpretationshilfen von Erwachsenen“. Alleingelassen, meint auch die SZ – http://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-digitales-geraeteturnen-1.3668070 – seien sie damit überfordert „mündige Mediennutzer zu werden und die Chancen des Digitalen von seinen Gefahren unterscheiden zu können; auch vielen Erwachsenen täte Nachhilfe hier gut“. Denn „Kinder sollen weniger Zeit mit dem Smartphone verbringen, doch viele Eltern können sich selbst kaum davon lösen. Das schlechte Vorbild beeinträchtigt Familienleben und kindliche Entwicklung“ – http://www.sueddeutsche.de/wissen/erziehung-du-machst-es-doch-auch-mama-1.3201947?reduced=true. Wer ganz im Internet ist, kann draußen nicht voll da sein. Das hat Folgen (http://www.sueddeutsche.de/wissen/2.220/kognition-jetzt-pass-halt-auf-1.2971866): „Wenn Eltern mit dem Smartphone spielen, auf die Zeitung schielen oder sonst wie abgelenkt sind, dann leidet auch die Konzentration der Kleinen beim Spielen.“

Drinnen hui, draußen pfui

Die Frage ist, in wie weit nicht längst auch die Konzentrationsfähigkeit der Erwachsenen unterminiert ist – bzw. inwiefern wir der permanenten Anreizstruktur aus Klicks, Likes, Pushup-Meldungen und Benachrichtigungen über Email-, Post- und Posts-Eingänge widerstehen können. Denn die Anbieter setzen auf „so genanntes Nudging, also die fürsorgliche Bevormundung und Entmündigung durch unablässige Gängelung per App und Web“: „Wir haben ein körpereigenes Belohnungssystem, das bei positiven Erlebnissen körpereigene Hormone wie Dopamin ausschüttet. Lernprogramme und Computerspiele sind so programmiert, dass wir auf diese kurzfristige Belohnung hinarbeiten, kleine Rückmeldungen bekommen, Bestätigungen und Feedback. Das freut uns, das bekommen wir in kurzen Abständen. Ziel der Programme und Spiele ist es, uns möglichst lange am Bildschirm zu fesseln und dabei Benutzerdaten aufzuzeichnen“ https://www.heise.de/tp/features/Technologie-in-unseren-Schulen-schadet-mehr-als-sie-nuetzt-3766725.html?view=print. Wer je versucht hat, bei offenem Internetzugang z.B. an einem Text wie diesem zu arbeiten, weiß, wovon ich rede. Es war immer schon schwer, auf unverzügliche kleine Belohnungen (Spatz in der Hand) zu verzichten, nur um auf eine etwaige größere hinzuarbeiten. Da braucht es einige Übung und Einübung. Gerade auch in der Schule.

Aktiv und so selbstbestimmt wie möglich

Mindestens so wichtig aber sind externe Anreize, also positive Erfahrungen offline. Jedoch, auch darauf hat Stefan Aufenanger hingewiesen, „findet heutzutage meist eine Einengung der physischen Welt von Kindern statt“: durch „Helikopter-Eltern“, die jeden Schritt überwachen, „Schneepflugeltern, die alle Probleme vor ihren Kindern wegräumen, damit diese wirklich nichts erleben, also auch keine Grenzen selbst erfahren“ oder „selbständig etwas erleben können“. Deshalb warnt Aufenanger die Eltern, den Internetzugang und damit „den Kindern ein Stück Selbständigkeit nehmen. Sie sollten eher eine gewisse Neugierde ihrer Kinder für digitale Medien respektieren, zugleich aber auch ihre Dialogbereitschaft zeigen, bei Problemen immer für sie da zu sein.“ Und Maren Risch meinte zur „Medienbildung in der Kita“: „Der bewusste Einsatz von Tablets kann einen Gegenpol zu der möglicherweise bereits bestehenden Fehlentwicklung in der Mediennutzung darstellen … Während Eltern in der häuslichen Mediennutzung die vorhandenen mobilen Geräte beispielsweise zu Einschlafritualen nutzen oder Spiele-Apps zum Überwinden von Wartezeiten einsetzen, so können Fachkräfte hier mit Kindergartenkindern kollaborierend arbeiten, indem sie Tablets zum Fotografieren einsetzen oder ein eBook mit der App Book Creator gestalten.“ Selbstbestimmter, produktiver Umgang statt passivem Konsumieren: das wäre dann Handeln und Denken in einem. Könnte funktionieren.

Die FDP im bayerischen Landtag hatte etliche Ausfälle, Angeber, Ahnungslose und andere schwer zu ertragende Charaktere, aber auch ein paar gute Leute wie z.B. den Haushaltspolitiker Karsten Klein. Mit ihm konnte ich im Untersuchungsausschuss zum Kauf der HGAA durch die Landesbank zwar nur indirekt, aber trotzdem gut zusammenarbeiten. Leider hat die FDP dann die Ex-Granden der CSU Huber, Beckstein, Schmid usw. zwar der Pflichtverletzung schuldig befunden, aber aus falscher Rücksicht gegen den Koalitionspartner und gegen besseres Wissen nicht der groben Fahrlässigkeit. Damit sind die Herren Pfuscher ohne Klage davon gekommen. Die FDP aber hat eine weitere Gelegenheit verpasst, sich als Korrektiv der CSU unentbehrlich zu machen.

Für Zeil war die Legislatur zu kurz
Der gerade noch Wirtschaftsminister und ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Martin Zeil war als Redner schwer zu ertragen. U.a. wegen seiner lähmenden Langsamkeit. „Dem kannst du unter dem Gehen die Schuhe aufdoppeln“, diese bayerische Redewendung scheint wie geschaffen für ihn. Er kam nur schwer in die Gänge. Aber Ende Oktober 2008, bei den ersten Plenarsitzungen plusterte er, der sonst so freundlich Unscheinbare, sich in seiner neuen Funktion als Regierung unerträglich auf, schon zu Beginn so von oben herab und arrogant wie Erwin Huber in seinen letzten Tagen. Er führt uns, hab ich damals notiert, „vor Augen, dass für seine Partei nur die Bundespolitik zählt. Ihre Strategie lautet: Wenn sie da erfolgreich sind, sind sie es auch in Bayern, d.h. alle bayerischen Entscheidungen dienen nur dem höheren Zweck.“ Die CSU war mit der umgekehrten Strategie deutlich erfolgreicher.

Zeil konspirativ
Auch wenn er mich als Minister nicht wiedererkannte, hatten wir doch eine kleine Vorgeschichte. Im März des Wahljahres habe ich mich, noch als Fraktionsvorsitzender, mit ihm, dem FDP-Spitzenkandidaten, getroffen. Ich dachte, ich fahr einfach mal schnell von Germering rüber nach Gauting. Aber er wollte sich mit mir nicht dort treffen, sondern in der Stadt im „Mariandl“, in dem er in seiner Studentenzeit oft war – und vermutlich seitdem nicht mehr. „Er spricht (und denkt?) sehr langsam, hört sich gerne zu. Kein Stimmenfänger, sondern eher ein Staubfänger. Hauptsache, die Stimmen, die von der CSU wegwollen, können irgendwo hin“, lautete mein damaliges Urteil. Ich hab ihm dann mein oberstes Anliegen gesagt: dass wir beide unsere Angriffe auf die CSU konzentrieren, da wir doch ein gemeinsames Ziel hätten. Das sah auch er so. Er sei schon „dafür gescholten worden, dass er die Konkurrenz nicht angreift“. Wir vereinbaren, lockeren Kontakt zu halten und uns bei Bedarf anzurufen.

Dilettant Heubisch
Der bald ehemalige Wissenschafts- und Kulturminister, mit dem ich am meisten zu tun hatte, Wolfgang Heubisch ist ein netter Kerl, meist gut gelaunt und zum Vergnügen aufgelegt. So hat er auch Kulturpolitik betrieben, als ob er ein kostenloses Dauerabonnement und einen Anspruch auf Amüsement hätte. Darin war er ein Dilettant auch im besten, klassischen Sinne. Sein größter Erfolg war, im Amt zu sein – und den hat er täglich genossen. Manchmal hat mich das genervt. Im März 2009 notiere ich empört: „Ein altes CSU-Mehrheitsgesetz lebt fort. Heubisch zeigt, dass ein Minister auch heute noch ohne Argumente auskommt. Um den Beifall der Seinen zu gewinnen, muss er keine Ahnung haben, nur die Macht.“ Aber persönlich bin ich, kein Wunder bei seinem Naturell, mit ihm sehr gut ausgekommen. Er als Politiker, das war auch ein Missverständnis.

Hamm-Brücher übergibt an Bause
Bereits 2006, zwei Jahre vor der Landtagswahl, hatte ich zu einem meiner „Flurgespräche“ die Grande Dame der FDP Hildegard Hamm-Brücher eingeladen. Diese Veranstaltungsreihe war der Versuch, Bewegung in die politische Landschaft zu bringen und mit möglichst vielen unterschiedlichen Kräften ins Gespräch zu kommen. Sie sprach druckreif, war als Erscheinung beeindruckend. In der Diskussion mit Margarete Bause ging es um die bayerische Bildungspolitik und die großen, seit Jahrzehnten bestehenden Schwierigkeiten, sie zu modernisieren. Am Ende hat sie Margarete ein älteres Büchlein von ihr geschenkt, mit Widmung, also gleichsam den Stab an sie übergeben.

Minister ohne Macht in der Tiefgarage
Am Wahlsonntag um halb sechs habe ich Zeil und Heubisch in der Landtagstiefgarage getroffen. Sie haben dort bei offener Eingangstür gewartet, vielleicht auf die bayerische Parteivorsitzende. Sicherlich hatten sie schon die erste deprimierende Vorausschätzung der Meinungsforschungsinstitute, was mir aber in dem Moment nicht klar war. Ich hab sie halt spontan und in der berüchtigten bayerisch-charmanten Art angespitzt: „Auf was wartet Ihr? Auf bessere Zeiten?“ Das hat mir im Nachhinein sofort leidgetan. Andererseits finde ich es auch schon wieder lustig, wie zielsicher ich da ins Fettnäpfchen getappt bin. Und es kommt ja auch nicht jeden Tag vor, dass man einen derart rapiden Machtverfall aus nächster Nähe mitbekommt.