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Barbara Rütting wird 90. „Derzeit, so schwärmt Rütting, befinde sie sich in einer der glücklichsten Lebensphasen: «Im Moment flutscht alles. Der Samen meiner Arbeit geht auf», sagt sie. Das hatte sie allerdings auch schon mal während ihrer Zeit als Abgeordnete der Grünen vor zehn Jahren gesagt; zwei später wandte sie sich von den Grünen ab“, erinnert sich die dpa: „Die Schauspielerin, Tierschützerin, vielfache Buchautorin und Politikerin schultert das alles mit scheinbarer Leichtigkeit.“ Zeit, dass auch wir uns an sie und unsere gemeinsamen Tage erinnern. Denn jemanden wie Barbara trifft man kein zweites Mal. Sie hat viel angepackt in ihrem Leben, und zwar jeweils mit einer beispiellosen radikalen Entschlossenheit, mit einer Eleganz und eben dieser Leichtigkeit, auf die man heutzutage nicht mehr oft trifft. Für alles, was sie öffentlich tat, hatte sie stets die große Bühne und jede Menge Rampenlicht. Eine Diva durch und durch, mit allen Allüren und all ihrer Ausstrahlung.

Ein echter Medienstar

Noch bevor sie nach ihrer Wahl 2003 auch nur einen Schritt in den Landtag gesetzt hatte, war sie schon zu „Maischberger“ eingeladen. Blöd war, dass die Sendung ausgerechnet während unseres ersten Treffens als Fraktion, auf unserer konstituierenden Klausur, sein sollte. Deshalb gab es ein ewiges hin und her. Mir wäre wichtig gewesen, dass sie von Anfang an dabei bleibt und mitbekommt, wie Fraktions- und parlamentarische Arbeit läuft, weil mir schon klar war, dass sie eine Sonderrolle haben würde. Schließlich kam ein Fax von der Fernsehredaktion: „Daher möchte ich an Ihren ‚Grünen-Chef’ appellieren, dass Ihr Auftritt am 30. September bei Sandra Maischberger eine sehr große Publizität für die Bayerischen Grünen bewirkt und wie gesagt ‚topaktuell’ wäre.“ (Man beachte die Anführungszeichen, insbesondere bei „Grünen-Chef“.) Barbara kommentierte, sie könne, auch wenn es im Fax anders dargestellt sei, auch die Woche drauf noch hin. Und als ich einwende, wir bayerischen Grünen kämen die nächsten 10 Jahre nicht zu Maischberger, meint sie cool: „Mit mir schon“. Darin hat sie natürlich Recht behalten. Sie war oft bei den Maischbergers dieses Landes, auch dann noch, als sie längst nicht mehr bei uns Grünen war.

Alterspräsidentin

Schon Wochen vorher hat sie sich auf ihre Landtagsarbeit gefreut und ihre Rede als Alterspräsidentin längst im Kopf. Als der große Tag dann kam, hat sie wirklich gut geredet, wie vorhergesehn, und erstaunlicherweise genauso, wie vorher gelesen. Sie hat eine klare vernehmliche Stimme, der man gerne zuhört, aber selbst sie war erkennbar nervös. Hinterher applaudierten sogar die CSUler, alle waren positiv überrascht, obwohl sie ihre grüne Vergangenheit in Mutlangen und anderswo und ihre pointierten Positionen keineswegs geleugnet hatte. Stoiber erklärte ihr umgehend, er sei ein Fan von ihr. Landtagspräsident Glück, Huber und andere dankten persönlich. Barbara Stamm war hinterher beim Empfang offen: sie hätten anderes erwartet, und auf Nachfrage: dass sie über sie lachen können. So hat sie ihnen Respekt abgenötigt. So respekteinflößend und furchtlos sie sein konnte, zu „Pelzig unterhält sich“ hat sie sich trotzdem nicht getraut. Zum meinem Glück, der ich sie vertreten durfte. Barbara war mir danach sehr dankbar, ganz erleichtert, denn sie wäre ihm „nicht gewachsen“ gewesen. Wie ernst das gemeint war, habe ich verstanden, als wir als Fraktion ihren 80. Geburtstag gefeiert haben.

Die Sache mit dem Humor und den Blasmöslbuam

Da zeigte sich, dass Barbara ganz eigene Vorstellungen hatte, wie wir ihren Geburtstag auf keinen Fall feiern sollten. Sie hat präzise aufgelistet, und ich zitiere ab jetzt wörtlich, „was für mich eine fürchterliche Quälerei wäre an dem so genannten Ehrentag: Alles was in Richtung Kabarett geht – ich bin völlig humorlos. Alles in Mundart, besonders bayerisch, aber auch berlinerisch etc., sowohl gesprochen wie gesungen (ich denke an die bei Grünen so beliebten Blasmöslbuam oder wie die heißen). Alles wo ich irgendwelche Gestalten von früher treffen müsste, aus Kindergarten/Schule/Schauspielzeit etc., ich will mich nicht erinnern müssen.

Dieser Tortur bin ich täglich ausgesetzt in Bahn etc: Erinnern Sie sich nicht, wir haben doch mal im Zug nach Dingsbums nebeneinander gesessen – ich habe Ihnen im Hotel Soundso mal das und das serviert – vor 50 Jahren habe ich Ihnen einen Frosch auf den Bauch gesetzt, als Sie im Bikini im Tennisclub lagen – Also bitte keine Überraschungsgäste, auch keine ehemaligen Ehemänner/Liebhaber etc. Überhaupt nichts ‚Lustiges’!“ – Lustiges in Anführungszeichen.“ Für diese rare Perspektive wird sie in meinem Herzen immer einen Ehrenplatz haben.

Immer gradaus, nie zurück

„Das Leben ist viel zu kurz für Umwege. Ich aber bin entschlossen, von den 80 oder gar 90 Jahren keine Minute zu verlieren.“ Das hat Barbara Rütting vor knapp 60 Jahren gesagt.

Denn so stand es im Drehbuch. Im Nachhinein scheint es das Drehbuch ihres Lebens gewesen zu sein: „Im Rückblick erkenne ich tatsächlich den berühmten roten Faden in meinem ja ziemlich zickzack verlaufenden Leben.“ In ihrer Präsenz und Lebendigkeit ist sie ein Vorbild für viele Menschen. Und zwar nicht bloß wegen des simplen Staunens: Was, in diesem Alter kann man noch so gut beieinander sein? Als Alterspräsidentin hatte sie ja auch gesagt: „Alt werden alleine ist vielleicht noch kein Verdienst. Es kommt wohl darauf an, wie man alt wird, ob resigniert oder mit dem Mut, immer wieder Neues zu wagen. Und zu letzterem möchte ich meine Altersgenossen und Altersgenossinnen ermuntern.“ Das gilt ganz unabhängig vom Alter. Barbara Rütting zeigte und zeigt bis heute: man kann sein Leben mitgestalten. Und am besten ist, wenn man und frau sofort damit anfangen. Das was sie jetzt tut, ist ihr dabei jeweils das absolut Wichtigste. Deshalb sind Fragen nach Oskar Werner, Romy Schneider, Klaus Kinski oder Kirk Douglas nur Nebensätze wert. Danach kommt sie sofort zur Hauptsache: zu den heutigen Aktivitäten.

Politik – ein Missverständnis

An ihrem ersten Plenartag hat Barbara Rütting erklärt: „An meinem 60. Geburtstag habe ich gesagt: ‚Ich bin entschlossen, die kommenden Jahre zu den schönsten meines Lebens zu machen.’ Bisher hat das tatsächlich funktioniert – ich bin jetzt 75 – und ich hoffe auf weitere schöne Jahre mit Ihnen gemeinsam.“ Auf diese Idee ist vor ihr noch keine OppositionspolitikerIn gekommen: der schwarzen Zweidrittelmehrheit schöne Jahre abzuverlangen. Als ich selber neu im Parlament war, haben mich haben die Leute daheim öfter gefragt – und das war eher freundlich-spöttisch gemeint, in Anklang an den großen bayerischen Abgeordneten Josef Filser: ob ich heute wieder nach München zum Regieren fahren würde. Barbara Rütting hat tatsächlich so gehandelt, als ob sie mitregieren würde, als ob es keinen Unterschied gäbe zwischen regieren und opponieren – und sie hatte teilweise Erfolg damit. Aber noch öfter hat sie sich eine blutige Nase geholt und nie verstanden, warum. Sie ist krank geworden davon und hat schließlich das Handtuch geschmissen. Darin hat sich Barbara nie geändert: Sie ist ein völlig unpolitischer, ein zutiefst moralischer Mensch. So ist sie auch seit jeher eine Frau der radikalen Schnitte, d.h. sie hat noch jedes Mal, wenn sie sich mit Haut und Haaren in die nächste Phase warf, alle Brücken in die überwundene Vergangenheit abgebrochen. Deshalb jetzt aus der Ferne – und bei allem Abstand: Danke, liebe Barbara, für Deine Lebendigkeit und Unbeschwertheit, Deinen Stil und Deine Sturheit!

Autorität und Rebellion, Parieren und Derblecken: Das gehört für viele Bayern offenbar zusammen. Ohne Gegenpol hielten sie es hierzulande sonst nicht aus. Oder sie müssten grundsätzlich was ändern. Auch bei einer überaus erfolgreichen, so bayernkritischen wie unverwechselbar bayrischen Band wie der Biermösl Blosn hatte ich immer schon den Verdacht, dass das funktioniert wie Ablasshandel oder Ablassventil: Das ganze Jahr Kuschen und Jasagen, aber bei der ersten Gelegenheit Druck ab- bzw. die Sau rauslassen.

Man kann das auch weniger machtpolitisch, mehr demokratietheoretisch betrachten. Dann ergänzen die Starkbierfeste mit ihren Krügelreden, Bußpredigten, Sketchen oder Singspielen die besonderen Bausteine direkter Demokratie in Bayern: Sie sind eine der seltenen kollektiven Gelegenheiten zwischen Wahlen, Bilanz zu ziehen und die Volksvertreter auf den Prüfstand zu stellen. Deshalb war für mich schon als Gemeinderat klar, dass ich mich als Gewählter dem Spott auf dem Starkbierfest der Bauernbühne Unterpfaffenhofen stelle. Derblecken muss sein, wie lustig es nun auch immer ist. Erst recht galt das für den Nockherberg.

Ober sticht Unter

Dort werden ja sowieso nur die Wichtigen eingeladen. Ob sie sich selber dafür halten oder nicht, Hauptsache sie haben ein Amt. So was wie Fraktionsvorsitzender sollte man schon sein, wenigstens, mindestens. Mag die Fraktion auch noch so klein sein.

Wir Grünen hatten am Nockherberg 2001 nichts zu erwarten. Das hat uns der Verfasser der Bußpredigt schon vorher mitteilen lassen: „Die bayerischen Grünen kennt ja keiner. Die sollten sich wenigstens neben einen Prominenten setzen.“ Wir Grünen regieren zwar mit, aber halt nur in Berlin. Und von den dortigen Wichtigen kommt keiner freiwillig nach München, um sich hier in der Provinz aufziehen zu lassen. Dafür müssen wir büßen.

Predigt und anschließendes Singspiel werden zum höchst amüsanten, aber gnadenlosen Lehrstück. Hinterher ist klar, wo der Bartel den Most holt und wo die Macht ist. In Bayern ist sie jedenfalls nicht. Selbst Stoiber spielt zwar einen wichtigen Part, aber eben nur den des Provinzmatadors. Von uns Grünen wie angekündigt kein Wort. Aber nicht nur wir Grüne, sondern wir Bayern spielen bundespolitisch keine Rolle, sind im Machtspiel allenfalls lästig. Die wirkliche Musik, sagt das Singspiel, spielt in Berlin.

A dabei

Ich bin nahezu inkognito hier. Mich kennt nur die Politprominenz. Wenigstens wuselt die hier überall rum. Vor allem sind Fernsehkameras und allerhand Journalisten allgegenwärtig. Alle warten auf Wirkungstreffer. Du sitzt da auf dem Präsentierteller, nimmst gelegentlich einen Schluck vom süffigen Starkbier, musst dich aber zur Vorsicht mahnen und zwischendrin aus dem Krug mit Wasser trinken. Denn du willst ja nicht auffällig werden. Und arbeiten musst du danach auch noch was.

Zum Glück zündet ein guter Witz auch, wenn man selber dessen Zielscheibe ist. Da fällt einem die vom strengen Protokoll geforderte Heiterkeit nicht schwer. Schwierig wird es allerdings, wenn du gute Miene zum schlechten Spiel machen sollst. Wie soll man zeigen, dass man Spaß verträgt, wenn das überhaupt nicht spaßig ist? Das ist schon schlimm genug, wen man aus Gefälligkeit lachen muss oder damit der andere nicht gar so gut da steht. Dann lach mal, weil es sich einfach gehört. Und lass dich von der Kamera dabei beobachten. Da schmeckt das Bier doppelt süß.

Austarierte Hackordnung

So geht das all die Jahre, die ich a dabei bin. Stets spiegelt der Nockherberg die Rang- und Hackordnung in Bayern und Berlin aufs Ausgefeilteste bis in die feinsten Verästelungen wieder: schon im geladenen Publikum, in der Sitzordnung, wie im Sonnenstaat zentrifugal nach außen, und erst recht oben auf der Bühne. Verdoppelt wird das noch mal durch die Medien, das übertragende Fernsehen und die kommentierenden und zitierenden Zeitungen, in denen die Wichtigen natürlich ebenfalls mehr Raum bekommen.

So wirkt der Nockherberg immer auch ein bisschen entwürdigend. Vor allem dann, wenn man im Ranking keine Rolle spielt. Schlimmer ist vielleicht nur, wenn man nicht mal zum Zuschauen eingeladen wird.

Wie immer nehme ich mir vor, mich dem nicht mehr auszusetzen, mich nicht jedes Mal wieder auf und neben der Bühne vorführen zu lassen. Und wie jedes Jahr lasse ich mich vom Theater auf der Bühne mitreißen. Es ist halt auch mein Theater, das da gespielt wird, meine eigene bayerische Provinzposse. Vor allem aber: es ist einfach lustig, und immer wieder sogar geistreich. Und eine kleine Übung in Demut kann nicht schaden, sage ich mir, als ich mich mit der Straßenbahn zurück in den Landtag fahre.