Gegen Ängste hilft kein Ruf nach Mut. Nur Klarheit

Die Grünen seien nicht mutig genug. Deswegen hat eine ältere grüne Wählerin angerufen. Sie ist verunsichert, ob sie von uns nach der Bundestagswahl die konsequente Klimaschutzpolitik bekommt, die dringend nötig ist. Sie hat Angst vor „green light“ und dass wir jetzt auch nur eine „andere Art Wirtschaftspartei“ seien. Alle riefen jetzt wieder nach Wirtschaftswachstum, als ob noch mehr Waren und Produkte, noch mehr Rohstoff-, Energie- und Naturverbrauch wirklich die Lösung wären. Die Grünen setzten nichts dagegen. Dabei hätten doch die meisten Menschen in unserem Land bereits vor Jahrzehnten, bei wesentlich geringeren Energie- und Stoffumsätzen, schon im Überfluss gelebt. Der Lebensstandard von früher sei doch bereits ausreichend gewesen. Da muss ich ihr Recht geben, denn ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir vor dreißig, vierzig Jahren großen materiellen Mangel gelitten hätten. Aber kann man mit einem Aufruf zu mehr Bescheidenheit und die Erinnerung an alte Zeiten überzeugend Politik machen?

Mut ist keine relevante politische Größe

Als Verkünder schlechter Nachrichten, als Spaßverderber, mit Meckern und Belehrungen wird man keinen Blumentopf gewinnen. So viel haben die Wahlkampfstrategen schon gelernt. Aber in unserer Lage nach „Mut“ zu rufen, wie das Wahlkampagnen und Wahlkämpfende seit ein paar Jahren immer wieder tun, ist ebenfalls kontraproduktiv. Dieses Wort ist nichts als eine Art Pegelstandsanzeiger der Orientierungslosigkeit. Mut braucht, wer die Hosen voll hat und keine Ahnung, wie er aus der Krise rauskommt. „Mut“ ist vor allem eine Kampf- und Kriegsmetapher, eine Durchhalteparole, politisch aus der Zeit gefallen wie der sprichwörtliche „Mut vor Königsthronen“. Der Ruf nach Mut ist das Pfeifen im Walde und ruft die Angst auf, gegen die er vorzugehen vorgibt. Aber er nimmt die Angst nicht ernst, er erklärt nicht, warum sie entsteht und sagt nicht, was genau in welchen Schritten gegen ihre Auslöser zu tun wäre. Die Menschen brauchen keinen „Mut“, und schon gar niemanden, der ihnen Mut zuspricht, sondern realistische Handlungsmöglichkeiten.

Überforderung lähmt

Menschen gewinnt man nicht für Veränderungen, bloß weil man ihnen sagt, sie bräuchten keine Angst zu haben. Stattdessen vergrößert man ihre Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Die Zerrissenheit zwischen dem „multiplen Verhängnis auf der einen Seite und der Passivität des Alltags auf der anderen“ führt zu Überforderung („Die große Überforderung“, https://www.sueddeutsche.de/leben/essay-hochwasser-klimawandel-sommer-1.5392355?reduced=true). Überforderung lähmt und bewirkt genau das Gegenteil dessen, was nötig ist: Handeln. Erst recht gilt das für Katastrophenrhetorik und Untergangspolitik. Wer anderen Angst vor Verlusten macht, um sie zum Umlenken und Handeln zu bringen, bewirkt stattdessen, dass sie sich am Gewohnten festklammern, und zwar egal ob es immer noch das Bewährte ist. Wer unterzugehen droht, klammert sich an alles, Hauptsache, es ist in Reichweite. Veränderungen kann nur riskieren, wer hoffen darf, deutlich mehr zu gewinnen, als verloren zu gehen droht. Politik muss heute nicht mehr darüber sprechen, dass es so nicht weitergeht. Das mussten viele bereits bis zum Überdruss erleben.

Handeln setzt Optionen voraus Wer Vertrauen wecken will und Ängste nehmen, muss klar und deutlich sagen, nicht nur wie die Ziele, sondern wie die nächsten Schritte genau aussehen sollen. Und was das für jede und jeden einzelnen bedeutet. Manche von uns konnten, wenn sie nicht gerade mit Existenzängsten zu kämpfen hatten, in diesen Corona-Zeiten lernen, dass nicht alle Verluste und Einschränkungen substanziell waren. Der aufgezwungene, geänderte Lebensrhythmus – weniger Termine, weniger Konsum, weniger unterwegs und mehr daheim Sein – bedeutete gelegentlich auch mehr verfügbare Zeit und neue Freiheiten. Viele haben erfahren, wie wichtig Familie und Freunde sind, eine Erfahrung, die nicht immer nur uneingeschränkt positiv war. Es gab auf einmal andere Antworten auf die Frage, was wirklich wichtig ist. Ökologische Politik muss den einzelnen konkrete Handlungsmöglichkeiten und -optionen aufzeigen, die es ihnen ermöglichen, die Kluft zwischen den enormen globalen Herausforderungen und ihrer vermeintlich „minimalen Selbstwirksamkeit“ zu überbrücken. Dabei kann man ihnen durchaus etwas zumuten.

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