Das Geschwätz von gestern und das Regieren von morgen

Manchmal reibt man sich ja verwundert die Augen, wie schnell das zumindest verbal ging mit der Energiewende. Aber für solche rasanten politischen Kehrtwenden wie dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomenergie gibt es ja viele Beispiele. Das hat nicht erst Stoiber vorgemacht, als er bis zum Wahltag 2003 unbeirrt am G 9 festhielt und es kurz drauf über Bord warf oder mit seiner Erfindung des Sparkurses. Erst hat er 6 Milliarden Privatisierungserlöse mit vollen Händen rausgeschmissen und die mit Abstand höchste Netto-Neuverschuldung risikiert, dann war er plötzlich der selbsternannte Sparkommissar. In Bayern kennen wir das von vielen Positionen, die die CSU über Nacht geräumt hat. Bei Kindergärten, Kinderkrippen, Ganztagsschulen, der Abschaffung der Wehrpflicht, dem Erneuerbaren-Energie-Gesetz, der Windkraft, der Gentechnik: Überall wurde sie ruckartig von dem entschiedensten Gegner zum vehementesten Befürworter. Überall geriert sie sich hinterher grüner als wir Grünen. Wobei nur in wenigen Fällen genauso energische Taten folgten.

Vom Saulus zum Paulus

Es soll Konrad Adenauer gewesen sein, der gesagt habe: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Aber schon von Saulus ist ein Erweckungserlebnis überliefert, das ihn schockartig zum Paulus machte. Das Phänomen rapiden Gesinnungswandels ist weit verbreitet. Bekannt sind seit altersher auch die sogenannten „Proselytenmacher“, also frisch Bekehrte mit Bekehrungseifer. Aber das ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 20. September über die Ergebnisse einer schwedischen Studie: „Menschen rechtfertigen Aussagen, die sie kurz zuvor abgelehnt hatten“. Die Forscher hatten gemeinerweise von den Versuchspersonen erst auf Fragebögen ihre Meinung zu gesellschaftspolitischen Themen abgefragt, ihnen dann aber manipulierte Antworten untergeschoben. Die meisten „waren blind dafür, wenn ihre Aussage ins Gegenteil verkehrt worden war“, und hätten „sehr hartnäckig für Ansichten argumentiert, die sie Minuten zuvor selbst noch abgelehnt hatten“.

Wandel der Weltsicht

Die Interpretation dafür greift allerdings zu kurz, nämlich dass entweder „viele Umfrageteilnehmer keine echten Einstellungen zu abgefragten Themen haben oder dass Fragebögen angesichts der Komplexität der Meinungen von Menschen ungeeignet sind, diese abzufragen“. Die Wirklichkeit selbst ist einfach oft zu komplex, um sie in einfache Pro-und-Contra-Schemata pressen zu können. Das heißt nicht, dass das Gegenteil auch wahr ist, sondern dass schon die Ausgangsaussage unzulässig verengt. Zu oft läuft es nicht auf die Alternative „Ja“ oder „Nein“ raus, sondern auf die Art des „Wie“. Dennoch merken wir Grünen so gut wie in jeder Diskussion, wie groß die Sehnsucht nach einfachen Antworten trotzdem immer noch ist, und wie schwer wir uns meist tun, mit nicht populistischen Aussagen durchzudringen. Was auch eine Rolle spielen dürfte, ist das, was Daniel Kahneman in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ einen „Rückschaufehler“ nennt: „Eine allgemeine Beschränkung des menschlichen Geistes ist seine mangelhafte Fähigkeit, vergangene Wissenszustände oder Überzeugungen, die sich gewandelt haben, zu rekonstruieren. Sobald man sich eine neue Sicht der Welt (oder eines Teils von ihr) zu eigen macht, verliert man sofort einen Großteil seiner Fähigkeit, sich an das zu erinnern, was man glaubte, ehe man seine Einstellung änderte.“ Es braucht also keinen besonderen zusätzlichen Aufwand, sich die Vergangenheit und die eigene Rolle darin schön zu reden. Das fällt uns schon im täglichen Leben leicht. Bei Seehofer und anderen geschieht das allerdings im Licht der Öffentlichkeit und der Archive, wenn sie versuchen, die Vergangenheit umzudeuten.

Erst reden, dann handeln

Parteipolitisch mag das für uns manchmal ärgerlich sein und uns scheinbar kurzfristig das Wasser abgraben. Aber wie soll sonst der politische Fortschritt in die Welt kommen? Nur wenn auch andere unsere Positionen übernehmen und als eigene ausgeben, haben wir die Chance, uns inhaltlich und machtpolitisch durchzusetzen. Das politische und gesellschaftliche Klima in Bayern hat sich auch dank unserer grünen Bewegung in den letzten dreißig Jahren massiv verändert. Das gilt in vielen für uns wichtigen Fragen: Erst traut sich kaum noch jemand, öffentlich dagegenzureden. Es wird nur noch passiv blockiert. Dann wird dafür geredet, aber nichts getan. Und jetzt müssen wir den Meinungsumschwung auch nutzen. Denn wenn es darum geht, zu handeln und grüne Konzepte in praktische Politik umzusetzen, pfuschen alle anderen. Grüne Politik konsequent in Regierungshandeln umsetzen, das können nur wir.

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