Weil eh alles wurscht ist – Meinungsmache gegen den Ökoanbau

Gestern Abend kam im Ersten eine Sendung über die Missstände bei Öko-Tierhaltern, die sofort von der Bildzeitung auf Seite 1 aufgegriffen wurde. Und heute titelt auch die Süddeutsche Zeitung in ihrer Printausgabe: „Der Bio-Mythos“, denn, so heißt es im Untertitel, „die bisher umfassendste Analyse zeigt: Bio-Ware unterscheidet sich kaum von konventioneller“.

Skandale im Ökoanbau werden immer wieder instrumentalisiert, um den Anbau insgesamt in Verruf zu bringen. Dabei beruhen diese Skandale auf Verstößen gegen die dem Ökoanbau eigenen Ziele und Regeln. Umgekehrt ist Tierquälerei, Wasserverschmutzung und Artensterben in der industriellen Landwirtschaft ein Systemfehler, kein individuelles Versagen. Trotzdem wird gerne und immer wieder so getan, als seien beide Produktionsformen gleichwertig. Auch was Studien angeht, die angeblich nachweisen, dass es keinen Unterschied bei den Inhaltsstoffen gebe oder in Bezug auf die Gesundheit – immer geht es um die Entlastung der KonsumentInnen bei der Kaufentscheidung: Ihr könnt guten Gewissens auch das Billigere nehmen. Vor allem aber geht es darum, die Weichenstellungen in der Agrarpolitik für Masse statt Klasse und für die großen Profiteure des Agrobusiness abzusichern: Denn es ist angeblich eh egal, wie produziert wird.

Öko ist besser für Klima, Tiere, Menschen

Dabei gibt es keinen begründbaren Zweifel, dass der Ökoanbau gegenüber der Agrarindustrie alle Vorteile auf seiner Seite hat: Er bedeutet erheblich und nachweisbar mehr Umwelt-, Klima-, Boden-, Tierschutz, auch mehr Wertschöpfung und Arbeitsplätze im ländlichen Raum. All das ist seit Jahrzehnten bekannt und trotzdem wird in der öffentlichen Diskussion so getan, als seien Ökoanbau und Agrarindustrie kaum zu unterscheiden. Das erinnert an die öffentliche Meinungsbildung früher bei der Frage des menschengemachten Klimawandels.

Auch die Studie, auf die sich die SZ beruft, wenn sie den „Bio-Mythos“ entlarven will – http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/oekologische-landwirtschaft-der-bio-mythos-1.1458076  –, gibt kein klares Dementi her. Wie eine ähnliche Wiener Studie, die vor ein paar Jahren erschien, trägt sie den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen in Bezug auf Qualitätsunterschiede von Bio und Konventionell. Hauptergebnis: es gibt dazu kaum  Forschung, und wenn, dann mit wenig verlässlich Ergebnissen. Das gilt selbst für den größten nachgewiesenen Unterschied: „In sieben Prozent der Bio-Proben ließen sich Pestizid-Rückstände nachweisen, bei konventionellen Proben lag die Rate bei 38 Prozent.“ Hier sind die Unterschiede in Bayern– http://www.lgl.bayern.de/ – z.B. bei Obst, Milch und Fleisch deutlich größer. Aber es gibt halt bisher keine Langzeitstudien, und damit keine verlässlichen Aussagen über die Gesundheitsgefahren. Also die Studie sagt: „nix gwiß weiß man nicht“. Die SZ folgert im Kurzschluss: „Es ist egal, was man isst“.

Weil uns nicht alles egal ist

„Der Sinn von Politik ist Freiheit“, sagt die Philosophin Hannah Arendt. Die Freiheit des Handelns bestehe darin, einen Anfang zu setzen und etwas zu beginnen. Das bedeutet, dass wir nichts so hinnehmen müssen, wie wir es vorfinden. Politik heißt: Es gibt Alternativen. Wir haben die Wahl. Wir können was ändern. Kern von Politik ist es, Alternativen aufzuzeigen, also Freiheiten zu schaffen. Das ist für mich der besondere Reiz an Politik.

Auch im Alltagsleben haben wir die Wahl. Das einfachste ist: die verschiedenen Alternativen heute noch ausprobieren.

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2 Kommentare
  1. Bernhard Spachmüller sagte:

    Die dargestellten Mißstände bezogen sich auf Betriebe, die nach dem EU-Öko-Richtlinie produzieren. Wenn man liest, welche Anforderungen für dieses Siegel notwendig sind, dann kann es tatsächlich sein, dass „alles in Ordnung“ ist. Dass es aber auch noch andere Zertifizierungen gibt (Bioland, demeter), hat der Bericht vollkommen verschwiegen.
    Ich fand den Bericht zum Kotzen, nicht nur wegen der gezeigten Bilder sondern auch wegen der journalistischen Arbeit.

  2. Hallo Sepp, die aktuelle „Berichterstattung“ in den Medien bestärkt meinen schon lang gehegten Verdacht: die strengen Regeln der Ökolandbauverbände sollen durch das EU-Bio-Siegel relativiert und unterlaufen werden. Eine leicht durchschaubare Taktik. Ich war in den letzten Jahren immer auf der Biofach in Nürnberg: dort sind inzwischen Unternehmen anzutreffen, die m. E. rein gar nichts mit den Werten des ökologischen Landbaus „am Hut“ haben, sondern lediglich finanziell vom Öko-Boom profitieren wollen (oder der Öko-Branche schaden wollen).

    Natürlich habe ich dies auch auf meinem WordPress-Blog veröffentlicht:
    http://gruenwolf.wordpress.com/2012/09/06/agrarindustrie-unterwandert-den-okolandbau-um-diesen-zu-schwachen/

    Die echten „Ökos“ findet man jetzt auf den Messen Bio Süd und Bio Nord.
    Ich würde mich freuen, wenn ich mal persönlich über das Thema mit Dir sprechen könnte.

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