Die Legende von den heiteren Spielen und das Olympia-Attentat von 1972

Nichts ist stärker als einmal verfestigte Mythen. Glaube, Liebe und Hoffnung waren aber 1972 auch extrem groß, dass diese Olympischen Spiele in Deutschland so ganz anders werden als die Nazi-Propagandafeiern 1936 in Berlin. Diesen Mythos hat man sich auch von einem der blutigsten Attentate auf bundesrepublikanischem Boden nicht kaputt machen lassen. Von Brundage stammt der berühmt-berüchtigte Spruch: „The games must go on“. Das galt und gilt auch für die kollektive Autosuggestion: Der Mythos lebt weiter.

Die große Mehrheit der medialen Rückblicke dieser Tage strickt noch an der Legende von den „heiteren Spielen“. Dagegen können gelegentliche Geschichten von Pfuschen und Vertuschen, Terror und Tod nichts ausrichten. Vor allem der Spiegel – http://www.spiegel.de/politik/deutschland/olympia-1972-behoerden-vertuschten-ausmass-ihres-versagens-a-845721.html – und in seinem Gefolge gelegentlich auch die Süddeutsche Zeitung – http://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-behoerden-beim-olympia-attentat-muenchen-erst-versagt-dann-vertuscht-1.1419360 – haben versucht, die beiden Erzählstränge miteinander zu koppeln: „Es war den deutschen Behörden bekannt, dass Gefahr von Terroristen drohte. Doch die Verantwortlichen wollten sich ihre Idee von einem Olympia ohne Stacheldraht und Maschinenpistolen wohl um keinen Preis zerstören lassen“ („Tod und Spiele“, SZ 25.8.12).

Statt die Fehler der Vergangenheit die von heute korrigieren

Wir müssen jetzt nicht darüber reden, was man damals alles falsch gemacht und wie man es hätte richtig machen müssen. Das ist wirklich Schnee von gestern. Die Frage ist: Was läuft heute falsch? Die Neigung, die Vergangenheit der noch relativ jungen Demokratie in mildem Licht erscheinen zu lassen, ist nur allzu verständlich. Hat man doch wegen des „Tausendjährigen Reichs“ und seiner blutigen Spuren, die es in Deutschland und der ganzen Welt hinterlassen hat, genug Leichen im Keller. Schon in den 70er und 80er Jahren wollten gerade bayerische Regierungen einfach nicht zur Kenntnis nehmen, wie massiv rechtsextremer Terror wieder präsent war. Das Oktoberfest-Attentat –http://www.gruene-fraktion-bayern.de/themen/oktoberfestanschlag-gruene-fordern-wiederaufnahme-der-ermittlungen – und eine Reihe von Morden in den 80er Jahren, bei denen die Mörder jeweils aus dem Umfeld der sogenannten „Wehrsport-Gruppe Hoffmann“ kamen, hat man damals wie heute lieber „Einzeltätern“ zugeschrieben.

Verhängnisvoll: Rechter Terror bis heute unterschätzt

Nun hat der Spiegel – http://www.spiegel.de/panorama/justiz/muenchen-1972-deutsche-neonazis-halfen-olympia-attentaetern-a-839309.html – einmal mehr darauf hingewiesen, dass deutsche Neonazis beim Olympia-Attentat kräftig Hilfe leisteten. Auf unsere Anfrage – http://gruenlink.de/bcvreagiert die Regierung merkwürdig defensiv, nur darauf bedacht, Fragen und Kritik abzuwehren. Sie will es lieber nicht so genau wissen.

Eine gefestigte, selbstbewusste Demokratie hätte damals weniger verbissen an der Illusion der „heiteren Spiele“ festgehalten und mehr in Gefahrenabwehr investiert. Aber sie muss wenigstens heute aufklären, welche Rolle dabei Bürger aus ihrer eigenen Mitte dabei gespielt haben. Denn mit der Beteiligung von deutschen Neonazis war das Attentat kein außerirdisches oder wenigstens außereuropäisches Ereignis mehr. Verhängnisvoll ist, dass die Regierung immer noch so tut, als sei rechter Terror nichts, was mit Bayern zu tun hat. Da haben offenbar auch die fünf Morde des rechtsextremen „NSU“ in Nürnberg und München nichts geändert.

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